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Zu Besuch in Willi Reiches Kunstmaschinenhalle bei Remagen

Schirmakazie_im_Kurfürstlichen_Gärtnerhaus_Bonn_2019
Seit rund 20 Jahren entwickelt der Künstler Willi Reiche Kunstmaschinen: kinetische Objekte, die auf den ersten Blick an Arbeiten Jean Tinguelys erinnern. In einer idyllisch gelegenen Lagerhalle bei Remagen präsentiert er seine Werke in Bewegung. LeFlash traf ihn dort zum Interview.
LeFlash: In der Kunstmaschinenhalle zeigst Du unter anderem Deine Arbeit „Nous sommes en piste“. Wie hast Du dieses Werk entwickelt – von der Idee über die Umsetzung bis hin zur Titelfindung?

Willi Reiche: Über die Jahrzehnte hinweg habe ich einen reichhaltigen Fundus angelegt, der vorwiegend aus interessanten, abgelegten Materialien besteht. Aus dieser gewaltigen Sammlung schöpfe ich meine Ideen. Meine Vorgehensweise ist also eher empirisch. Ich stelle eine bestimmte Anzahl von Einzelstücken zusammen, bis nach und nach das Endprodukt entsteht. Mir geht es darum, Gegenstände jenseits ihrer ursprünglichen Funktion in neuem Kontext miteinander zu kombinieren. Die Einzelteile meiner Skulpturen haben ihren speziellen Hintergrund; durch neue Zusammensetzungen erzähle ich eine eigene Geschichte. Die Kunstmaschine „Nous sommes en piste“ besteht aus unterschiedlich großen Transmissionsrädern, hölzernen Rädern aus der Frühzeit der Industrialisierung, die mit Originallederriemen angetrieben werden. Die Basis bildet ein sogenannter Marktbeschickungskarren, ebenfalls aus dem vorletzten Jahrhundert, den ich im Rahmen der Auflösung einer Bonner Restaurierungswerkstatt auf der Kaiserstraße erstanden habe. Ein wichtiges Element der Arbeit sind außerdem hölzerne Skier, bestückt mit alten ledernen Skischuhen, die sich bei Inbetriebsetzung vor- und zurückbewegen. Der humorvolle Titel „Nous sommes en piste“ heißt nicht nur „wir sind auf der Piste“, sondern auch frei übersetzt „wir sind auf einem guten Weg“, „es läuft gut“.
LeFlash: Bei Deinen Kunstmaschinen handelt es sich um kinetische Objekte, die per Elektromotor oder manuell in Bewegung gesetzt werden können. Welchen Stellenwert misst du dem Bewegungsmotiv bei?

Willi Reiche: Kinetik lässt sich nicht nur auf Elektromotor und Handkurbel reduzieren. Es gibt weitere Antriebselemente wie Wind, Wasser und Feuer, wobei Wind und Wasser traditionell vorrangig sind. Man denke nur an die Wind- oder Wassermühle. Auch durch die Bewegung hervorgerufene Klänge spielen für die Kinetik eine wichtige Rolle. Der Stellenwert der Kinetik wächst meiner Ansicht nach. Das „Mechanical Art & Design Museum“ in Stratford (England) ist beispielsweise sehr erfolgreich. Hier steht der Unterhaltungswert im Vordergrund. Es werden viele kleinere Werke (Automata) und Steampunk präsentiert. Meine kinetischen Werke würde ich nicht als hehre Kunst ansiedeln, sondern sie sollen Spaß bereiten. Dem schmunzelnden Betrachter sieht man das an. Über das selbstständige Anschalten der Maschinen per Betätigung eines Tastschalters erfährt der Betrachter einen Selbstbelohnungsmoment. Vielleicht sogar einen Glücksmoment, der wiederum rückkoppelbar auf mich als Künstler ist.

LeFlash: Deiner eigenen Aussage nach widmen sich die Kunstmaschinen dem Wandel der Zeit und gesellschaftlichen Veränderungen. Die meist anachronistischen, weggeworfenen Einzelteile sind für Dich zunächst „totes“ Material, in ihrer Kombination mit anderen Teilen allerdings entsteht neues Leben, neue Poesie. Werden die anachronistischen Gegenstände auch durch die Bewegung der Maschinen wieder aktualisiert?

Willi Reiche: Sie werden nicht direkt aktualisiert, aber sie erfahren durch die kinetische Inszenierung eine Aufwertung, wecken Erinnerungen, rücken in den Fokus. Indem der Betrachter hinterfragt, werden unbekannte oder vergessene Dinge wieder präsent. Die Bewegung zieht die Blicke dabei in besonderem Maße an.

LeFlash: Unweigerlich erinnern Deine Kunstmaschinen an Arbeiten Jean Tinguelys. Im November 2016 warst Du an der Ausstellung „Hommage an Jean Tinguely“ in Montreux (Schweiz) beteiligt. Inwiefern lässt Du Dich von Tinguely inspirieren? Was ist Deinem Werk eigen?

Willi Reiche: Der Übervater Tinguely wird gerne strapaziert. Ich habe lange gebraucht, um mit der Anfertigung kinetischer Arbeiten zu beginnen. Zunächst habe ich ausschließlich Werke statischer Natur entwickelt, Metallmöbel und Kleinplastiken. Lange Zeit hatte ich zu viel Ehrfurcht und Respekt vor Tinguelys Arbeit, schließlich hat er als Vorreiter ja gewissermaßen das Rad in der Kunst erfunden. Das hat sich aber irgendwann gelegt. Ich dachte mir: Maler malen doch auch mit dem Pinsel. Der Kinetiker arbeitet eben gerne mit Räderwerk und genau das probiere ich jetzt aus. Und siehe da: Es funktioniert und macht richtig Spaß. Nach mittlerweile ungefähr 60 kinetischen Arbeiten habe ich mich emanzipiert und eine eigene Handschrift entwickelt. Tinguely hatte in den 1950er und 1960er Jahren den Ansatz, mit seinen Arbeiten die Kulturwelt zu schockieren. Aus Schrott zusammengesetzte Objekte waren auf dem Kunstmarkt ein Tabubruch. Der Aufschrei war dementsprechend groß, nur gelang ihm durch Freunde, Mäzene, Museumsbetreiber der internationale Durchbruch – bewundernswert! Anders als in Tinguelys Werk steht in meinen Arbeiten die Ästhetik sehr im Vordergrund. Viele meiner Modelle hätte Tinguely so nie gebaut; ihm ging es vor allem um Provokation, in meiner Anordnung und den Bewegungsabläufen hingegen erkenne ich ein hohes Maß an Harmonie. Die Arbeit „Hommage I“ war als kinetisches Erstwerk bewusst nah an Tinguely angelehnt, ich habe aber meiner eigenen Fantasie freien Lauf gelassen. Mich fasziniert besonders der Formenreichtum ausgedienter Gegenstände.
LeFlash: Stichwort Ästhetik. Viele Deiner Arbeiten – zum Beispiel die Schirmakazie – greifen Baumformen auf, passend zu den Obstbäumen rund um die Kunstmaschinenhalle. Die Naturmotive stehen in einem starken Kontrast zu den Industriematerialien der Kunstmaschinen. Ist das ein bewusst inszenierter Gegensatz?

Willi Reiche: Die Anlehnung meiner Arbeiten an Baumformen ist mittlerweile gewollt. Dass in der Obstplantage ein Bezug zu meinen Arbeiten liegt, ist aber reiner Zufall. Ich habe diese Halle vor zwei Jahren bezogen. Die ehemalige Lagerhalle ist nun eine Ausstellungshalle. Interessierte können meine Kunstmaschinen hier in Betrieb sehen.
LeFlash: Abschließend eine Frage zu Deinem Werdegang. Wie viele Leser*innen von LeFlash hast Du an der Uni Bonn Kunstgeschichte studiert. Warum der Wechsel von der Kunstgeschichte und einer anschließenden unternehmerischen Tätigkeit zur praktischen Kunst?

Willi Reiche: Für mich waren die kunsthistorischen Seminare auf Dauer zu trocken. Jetzt kombiniere ich Hintergrundwissen und Umsetzung. Ich bin eher handwerklich veranlagt und sehe handfeste Arbeit, vor allem den Umgang mit Eisen, als Herausforderung an. Spannend finde ich besonders große Kunstmaschinen. Viele wünschen sich kleine bescheidene Arbeiten für ihr Wohnzimmer, Miniaturarbeiten sind aber nicht mein Ziel. Es geht mir nicht darum, Käuferinteressen zu bedienen. Ich möchte mich ausdrücken.
Besuch der Kunstmaschinenhalle nach Vereinbarung möglich (info@willi-reiche.de, +49 228 326049)

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Weitere Kunstmaschinen im Video:

Youtube Video 1

Youtube Video 2

Youtube Video 3

Das Copyright für die Videos liegt bei Bo-Christian Riedel-Petzold.

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Bevorstehende Projekte und Ausstellungen:

Ab Ende Mai – Leitung des Projekts „Wachtberger Drache“ in Kooperation mit der Hans-Dietrich-Genscher-Schule. Link

07. Juli bis 29. September 2019 – Beteiligung an der Ausstellung „Kunst auf der Burg“, Burg Blankenberg, Vernissage am Sonntag, 7. Juli 2019, 15 Uhr. Link

19. bis 20. Oktober 2019 – Beteiligung am 13. Kunstsalon, Historisches Dreieck Remagen

Das Interview mit Willi Reiche führten Lena Beckmann und Maria Geuchen .