Peter Lindbergh Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen &
Guinevere van Seenus Brooklyn, 2015 © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)
Fotos wie Filmstills
28. Februar 2020
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Perry Rhodan und die Frauenbewegung
23. April 2020

Von, über, mit Kunst & KünstlerInnen

PINA, Thusnelda und Dominique Mercy und Clémentine Deluy © 2011 NEUE
ROAD MOVIES GmbH, Photo: Donata Wenders

Kultur geht auch zu Hause! Fünf Empfehlungen für Kunst im Film und auf dem Sofa.

 

„I am for an art…“ Claes Oldenburg, 1961


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Wer hier beginnt kann sich Theateratmosphäre ins Wohnzimmer zaubern. Der Videokünstler Julian Rosefeldt hat mit „Manifesto“ (2015) einen ebenso verstörenden, wie hypnotisierenden und beeindruckenden Film über die Frage nach der Bedeutung der Kunst im Leben erschaffen. Cate Blanchett trägt in 12 verschiedenen Rollen 60 verschiedene Künstlermanifeste vor. Ursprünglich als Installation auf verschiedenen Leinwänden in einem Raum parallel gezeigt, erstellte Rosefeldt nachträglich eine lineare Version, ohne die Kurzfilme simpel hintereinanderzuschalten. Das Ergebnis ist eine betörende Text-Bildmontage der wütenden, flehenden und eindringlichen Worte von Persönlichkeiten der Kunstströmungen des letzten Jahrhunderts – nicht ganz ohne parodistische Note. Alle fordern auf ihre Art eine Revolution. Als konservative Mutter am Esstisch für die Pop-Art, als tätowierte Punkerin für den Kreationismus oder als Nachrichtensprecherin für die Concept-Art und den Minimalismus, verkündet sie mal forsch und mal sanft Dogmen wie „All current art is fake.“ (Sol LeWitt, 1999) oder „Nothing is original.“ (Jim Jarmusch, 2004). Die Figuren machen die oft so abstrakten Texte plötzlich viel greifbarer. Als wäre es selbstverständlich, dass die Trauerrednerin auf einer Beerdigung als wütende Dadaistin gegen das System wettert und die Lehrerin ihren Grundschülern die goldenen Regeln des Filmemachens erklärt. Es kommt vor, dass man vor lauter Inhalt abschweift und sich von den Bildern tragen lässt: Cate Blanchett grandios und schön, vor ausgewählten Kulissen Berlins, aufgenommen in ruhigen Totalen. Es besteht keine Frage, dass sich dieser Film lohnt.

 

 

Am Ende der Pinselspitzen hört alles auf…“

 

„…Emotion, Liebe alles. Dann kommt es auf die Leinwand (…) und da haben wir nichts mehr mit zu 71zr3bOvrLL._SL1114_tun.“ Jörg Immendorff und Christoph Schlingensief sprechen in der Arte-Kulturserie „Durch die Nacht mit…“ 2004 über den Umgang mit Kritik, das Galeriewesen, ihre Werke und Immendorffs Erkrankung. Sie besuchen Jonathan Meese in seinem Atelier, der damals gerade sein erstes Bühnenbild für „Kokain“ an der Berliner Volksbühne entworfen hat, und analysieren dort mit Humor den Unterschied zwischen Bühnen- und Leinwandarbeit. Meeses Eigenart löst glücklicherweise die anfänglich angespannte Stimmung. Dennoch bereitet das Zuschauen zeitweise Unbehagen, vor allem durch Immendorffs bereits sichtliche körperliche Schwäche. Später ziehen sie weiter in ein Restaurant und lassen sich danach von einer Expertin zu Chakren und Karma beraten. Die Folge zeichnet ein nicht zu ernstes, aber authentisches und privates Bild der beiden bereits verstorbenen Künstler. Eine knappe Stunde für diejenigen, die sich von philosophierenden Künstlern berieseln lassen möchten.

 

Pina war eine radikale Forscherin. Sie hat tief in unsere Seelen geschaut.“

 

PINA, Ditta Miranda Jasjfi in "Vollmond" © 2011 NEUE ROAD MOVIES GmbH, Photo: Donata Wenders

PINA, Ditta Miranda Jasjfi in „Vollmond“ © 2011 NEUE ROAD MOVIES GmbH, Photo: Donata Wenders

Wim Wenders hatte eigentlich einen Film über und mit Pina Bausch geplant. Als sie jedoch im Sommer 2009 kurz vor Beginn der Dreharbeiten überraschend verstarb, wurde daraus ein Geschenk. „Pina – Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“ heißt es und kam 2011 als 3D-Film in die deutschen Kinos. Wenders zeigt großzügige Ausschnitte aus den Inszenierungen „Café Müller“, „Le sacre du Printemps“, „Vollmond“ und „Kontakthof“, getanzt vom Ensemble des Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch. Man muss kein Kenner des Tanzes sein, um das schöpferische Ausmaß ihrer Arbeit zu ermessen. Niemand kann sich der Wirkung dieser ganz eigenen Körpersprache entziehen. Sie verbindet Ballett mit Schauspiel und Pantomime zu Musik jeder Art und Epoche. Im Gegensatz zum klassischen Ballett beeindrucken ihre Choreografien nicht durch Akrobatik und Spannung, streben nicht nach Perfektion, sondern nach Stärke, Erdung und Befreiung. Die Körper der TänzerInnen bewegen sich in luftigen Stoffen über die mit Erde, Wasser, Stöcken oder Steinen ausgestatteten Bühne. Pina Bausch schaffte es auf bewegende und mitreißende Art und Weise Grundemotionen wie Liebe, Angst und Trauer in Bewegung darzustellen. Wim Wenders fängt sie ein. Worte sind im Film rar, stattdessen tanzen einige Ensemblemitglieder in Pina-Manier ihre Nachricht für sie an verschiedenen Orten Wuppertals und des Ruhrgebiets. Der Film ist dadurch auch gleichzeitig ein Porträt der Region ihres Lebens und Wirkens. Bilder und Emotionen fesseln bis zum Ende, aber wer eine Biografie über Pina Bausch sucht ist hier nicht richtig.

 

 

„Jegliche Kunst ist gefährlich.“

 

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Wenn auch nicht von dramaturgischer Brillanz gekrönt: „Die Kunst des toten Mannes“ (2019) macht trotzdem Spaß. Der Spielfilm bewegt sich irgendwo zwischen Thriller, Horror mit Trash-Elementen und einer etwas oberflächlichen Parodie auf die vermeintlich verkommene Kunstwelt. Im gierigen Konkurrenzkampf zwischen Galeristen, Museen und Händlern von Los Angeles wird ein alter Mann tot vor seiner Wohnung aufgefunden. Die finsteren Kunstwerke, die er hinterlässt, sind ein Spiegel seiner grauenvollen Vergangenheit. Anstatt sie zu vernichten, wie vom Künstler verfügt, nehmen sich die Galeristin Rhodora Haze (Rene Russo), ihre Assistentin, sowie der einflussreiche Kritiker Morf Vandewalt (Jake Gyllenhaal) der Werke an. Nichtsahnend, dass sie mit den eigenen Waffen geschlagen werden. Die Kunst mutiert zum Monster, inklusive aller obligatorischen Grusel-Effekte: flackernde Glühbirnen, Plastikpuppen, Gemälde, die zum Leben erwachen und ihre Opfer fordern. White Cube und Designer-Loft werden zum Schauplatz ominöser Morde. Besonders John Malkovich als verdrossener Künstler Piers und Jake Gyllenhaal als eloquenter, enthusiastischer Kunstkritiker bescheren dem Film tolle Szenen mit subtilem Witz. Einige gute, aber ins Leere verlaufende Ideen lassen einen zum Abschluss leider ratlos zurück. Ein Kunstfilm der bizarren Art für die späte Stunde.

 

„Sie haben diese Vorstellung von mir. Der wilde Affenmensch, und so ähnlichen Mist.“

 

JMB-by-Marion-Busch

Die BBC-Dokumentation  „Basquiat – Rage to Riches“, aktuell in gekürzter Fassung in der Arte-Mediathek zu sehen (Basquiat – Popstar der Kunstwelt), biografiert Jean-Michel Basquiat in den 70er und 80er Jahren. In seinem nur kurzen Leben stieg er vom unbekannten Straßenkünstler der New Yorker Downtown zum Popstar der Kunstwelt auf. Auf der legendären Canal Zone Party gab er sich als Identität hinter dem Pseudonym SAMO© bekannt und begann von da an sich als eigenständiger Künstler zu etablieren. Zusammen mit seinem Freund Al Diaz hatte er zuvor mit diesem Graffiti-Tag auf den Hauswänden SoHos für Aufsehen gesorgt. Seine Schwestern, FreundInnen und Galeristinnen erzählen, wie der afroamerikanische Maler und Zeichner den Absprung von der Straße ins Studio schafft und sich gegen das Stereotyp behaftete Etikett als Graffitikünstler wehrt. Leuchtende Farben, die Verbindung aus Wörtern, Piktogrammen, Formen und Strichfiguren, der gestische und unbefangene Stil, zusammen mit seinem verwegenen Auftreten und einer Reihe glücklicher Zufälle, katapultieren ihn in den Strudel des Kunstmarkts. Er lernt Andy Warhol kennen und die beiden arbeiten zusammen in einer von Eifersucht und Rivalität geprägten Freundschaft. Dessen Tod ist für Basquiat ein Wendepunkt in seinem Leben. Mit nur 27 Jahren verstirbt er an einer Überdosis Heroin. Die Dokumentation lässt das Menschliche hinter dem Star durchscheinen. Untermalt mit groovy Jazz und Fab 5 Freddy-Funk taucht man für eine knappe Stunde in die New Yorker Kunstszene der 80er ein.

Zu sehen…

Manifesto – im Amazon Prime Arthouse CNMA.

Durch die Nacht mit Christoph Schlingensief und Jörg Immendorff – bei Youtube.

Pina – Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren – nur auf DVD oder bei Amazon Prime zu kaufen.

Die Kunst des toten Mannes – Netflix.

Basquiat – Popstar der Kunstwelt – Arte-Mediathek.