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11. Dezember 2018
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19. März 2019

Gefährliche Liebschaften

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Das Bonner „Theater Rampös“ inszeniert unter der Regie von Markus Weber auf der Bühne der Brotfabrik Bonn den gleichnamigen Briefroman Les Liaisonns dangereuses (OT) des französischen Schriftstellers Choderlos de Laclos.

Die Beleuchtung im Theatersaal ist gedimmt und ein einzelner Spot richtet die Aufmerksamkeit auf den am Bühnenrand stehenden Flügel – Musik erklingt und eine kräftig-klare Altstimme versetzt uns in die Szenerie einer kleinen adeligen Gesellschaft in Frankreich zur Zeit des ausgehenden Ancien régime. Das Bühnenbild ist spartanisch gehalten: Zur Linken finden wir ein Ensemble von zwei kleinen Tischen und Hockern, auf denen sich Kaffeegeschirr, Sektgläser und Champagnerflaschen befinden; überdies lassen sich im ganzen Bühnenraum verteilt weitere Flaschen mit ihrem alkoholischen Inhalt finden, die jederzeit griffbereit scheinen, um als Werkzeug der Verführung eingesetzt zu werden.
In der Strukturierung des Bühnenraums überzeugen die unterschiedlichen Höhenniveaus der Bodenplatten, die es den Schauspielern ermöglichen auf der großen Bühne räumlich voneinander getrennte Orte zu inszenieren, verschiedene zeitliche Ebenen zu konstruieren und eine unauffällige Hierarchie zwischen dem Rollenpersonal zu etablieren. Darüber hinaus sind die Ausstattung sowie die Kostüme der Schauspieler modern und in monochromen Farbpaletten gehalten – es herrschen die Farben weiß und schwarz vor, mit kleinen Akzenten von grün, rot und silber.

Die Rahmenhandlung von Gefährliche Liebschaften ist schon oft inszeniert worden, denn dafür bietet der skandalumwitterte Briefroman des französischen Schriftstellers Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos all das, was das ruchlose Herz begehrt: verhängnisvolle Affären, schamlosen Sex und bittersüße Intrigen; und all dies passiert unter dem Deckmantel der eigenen Eitelkeit, Prestigesucht und Rachegelüsten. Choderlos de Laclos erzählt von einem Sittenbild des ausgehenden 18. Jahrhunderts und lässt die starken Charaktertypen, wie sie oftmals in einer Commedia dell’arte zu finden sind, an dem starren und irrsinnigen Korsett der adeligen Pariser Gesellschaft abarbeiten.
Die Handlung ist geprägt von starken Männerrollen: diese verkörpern im Roman einerseits die inkorporierte Tugendhaftigkeit und andererseits den durchtriebenen Antihelden. Dieser Dualismus wird durch das weibliche Rollenpersonal ebenso widergespiegelt und das Theaterstück greift in seiner Inszenierung diese Grundzüge wieder auf. In Vicomte de Valmont finden wir den lustgetriebenen Antihelden: charmant, eloquent und gerade so dezent aufdringlich wie anmaßend, dass sein Werben und Verführen nicht etwa als sexuelle Nötigung und versuchte Vergewaltigung gewertet werden. Sobald die Figur des Valmont die Bühne betritt, beherrscht sie die aktive Handlung mit ihrer charismatisch-zügellosen Präsenz; gleichermaßen vermag sie die sich eigentlich fortschreibende Handlung in dem Moment zum Erstarren zu bringen, in dem sie wieder die Szene verlässt. Dadurch wirken die ihn begleitenden weiblichen Figuren oftmals entrückt und vielmehr wie schmückendes Beiwerk - Staffagefiguren, welche dem horror vacui geschuldet sind.
Der Figur des Valmont gegenüber sieht sich die Madame de Merteuil. Sie vermag als einzige weibliche Rolle aus ihrer Starre hervorzubrechen und das Geschehe aus der Distanz heraus einerseits zu beobachten und andererseits mit ihrer Mimik und Gestik zu kommentieren. So kann sie lustvoll ihr Netz aus gesponnenen Intrigen verfolgen und der Zuschauer bleibt sich ihrer Absichten gewahr. In diesem Sinne ist Madame de Merteuil auch die einzige weibliche Rolle, die in der Lage ist aktiv zu handeln, um so – anders als im Roman – ein positives Ende für sich herbeizuführen. Überwiegend ist den Männern jedoch der aktive Part der Handlung zugeschrieben; sie dirigieren und instrumentalisieren die Frauen nach ihren Bedürfnissen; das weibliche Rollenpersonal übernimmt daher die passive bzw. oftmals eine reaktive Haltung gegenüber Geschehnissen ein. Sex wird dabei oft als Mittel der gesellschaftlichen Erniedrigung gegenüber den Frauen eingesetzt. Dieses „Ausgeliefert-Sein“ veranlasst die Theatergruppe dazu aus einem zeitgenössischen Blick heraus Stellung zu beziehen und während des Schauspiels in unterschiedlichen Szenen, vereinzelt die Körper der weiblichen Schauspielerinnen mit Exzerpten zu brandmarken, welche auf die verkannte sexuelle Nötigung und die Übergriffe aufmerksam machen. So finden sich u.a. auf den Körpern der Schauspielerinnen Auszüge aus dem Offenen Brief von 100 Schauspielerinnen, der am 10.01.2018 in der Tageszeitung Le Monde veröffentlicht wurde, oder Auszüge aus dem § 177 Abs. 2 StGB (Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung).
Im Laufe des Stücks wird klar, und diese Tatsache postuliert auch der Roman, dass wer seine Gefühle zeigt und sich der wahren Liebe hingibt, als Verlierer aus dem Dreiecksspiel um Macht, Rache und Prestige hervorgeht. Das Ringen zwischen bloßer Lust und Liebe inszeniert das Stück innerhalb der Dialoge mit Hilfe der Lichtregie. So erscheint die kalte Lust als weißes, gleißendes Licht, wohingegen die wahren Gefühle der Liebe eine Untermalung im warmen Scheinwerferlicht erfahren. Madame de Merteuil sieht sich durchwegs mit dem weißen Licht auseinandergesetzt, wohingegen der Vicomte de Valmont einen Wandel vollzieht und sich am Ende angesichts seines Unterganges im warmen Lichtschein wiederfindet. Die Figur der Madame de Meurteil hingegen bleibt mir ihrer intriganten Haltung dem Zuschauer gegenüber bis zum Ende des Stückes distanziert. Nur in einer Szene zeigt sie sich verwundbar, indem sie sich selbst erklärt und ihre Strategie offenbart, sich nach ihrer gescheiterten Ehe nie mehr in die eheliche Abhängigkeit zu begeben und das intrigante Spiel der Männer mitzuspielen.

„Liebe ist etwas, was man benutzt, nicht etwas, dem man verfällt. Liebe ist wie eine Droge und es ist leicht an einer Überdosis daran zu sterben.“ - Madame de Meurteil

Besetzung:

Inga Leske Madame de Merteuil
Benjamin Schmäling Vicomte de Valmont
Anneke Bremer Madame de Tourvel
Anna Haas Madame de Volanges
Leonie Kienzle Cécile Volanges
Andrea Bühring Rosemonde
Michael Nann Azolan
Jan Koch Dancenay
Kerstin Gröger Èmilie
Alexandra Köngeter Sybelle
Greta Weber Ruth

Das Theater Rampös inszeniert Gefährliche Liebschaften an vier weiteren Terminen auf der Bühne der Brotfabrik Bonn:


15. Feb. – 20:00 Uhr - Premiere
16. Feb. – 20:00 Uhr
17. Feb. – 19:00 Uhr
18. Feb. – 19:00 Uhr


Tickets sind für 14,- € bzw. 8,-€ (ermäßigt) bei bonnticket.de oder an den hausinternen Verkaufsstellen der Brotfabrik Bonn bzw. an der Abendkasse zu bekommen. Weitere Termine, Theateraufführungen und Co. könnt ihr auch direkt auf der Veranstaltungsseite der Brotfabrik Bühne Bonn einsehen!