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Das Gemälde in digitalen Zeiten. Ein Gespräch mit Arno Beck

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Arno Beck (*1985) ist einer der diesjährigen Neueinzügler im Atelierhaus des Bonner Kunstvereins. In seinen Bildern spielt er mit Grenzen und Schnittmengen von Malerei und einer computergenerierten Ästhetik. Über ältere und jüngere Werke, klassische und ungewöhnliche Techniken sowie über obsolete und neuartige Bildgesten sprach er im Interview mit Carina Seeger.
Carina Seeger: Pünktlich zum 1. Mai bist Du ins Atelier eingezogen. Hast Du Dich schon eingerichtet?

Arno Beck: Ich habe jetzt zwei Tage aufgebaut und dann direkt angefangen. Heute ist mein vierter Arbeitstag hier und ich habe jeden Tag eine kleine Zeichnung gemacht. Für die Arbeiten, die ich gerade mache, brauche ich tatsächlich nur Stift, Papier und Platz.

C. S.: Du hast Dich also direkt in die Arbeit gestürzt. Für die Ausstellung zu den Offenen Ateliers?

A. B.: Ja, zurzeit arbeite ich tatsächlich non-stop, sieben Tage die Woche. Es stehen neben den Offenen Ateliers auch einige andere Ausstellungen an, im Juni eine Einzelausstellung in Frankfurt, im Juli je eine Gruppenausstellung in Berlin und in New York, und im August wieder eine Einzelausstellung in Köln.

C. S.: Die Thematik der digitalen Ästhetik zieht sich durch Deine Bilder. Du formulierst auch in Deinem Portfolio, dass Du genau an der „Schnittstelle“ arbeitest von virtuellen Welten und analogen künstlerischen Ausdrucksformen. Wie führst Du diese Welten zusammen?

A. B.: Ich lege die Bilder im ersten Schritt im digitalen Raum an und übersetze sie dann auf unterschiedlichen anlogen Wegen in den realen Raum. Es gibt da mehrere Sachen, die mich interessieren, z. B wie der Umgang mit dem Computer die Wahrnehmung prägt. Gewisse Phänomene – z. B. das Ebenen-Denken, so wie es Photoshop hervorruft – sind in dem Maße nicht auf das Beobachten von Naturphänomenen zurückzuführen. Das sind Aspekte, die ich in die Malerei überführe und ich denke darüber nach, wie ich diese visuellen Phänome greifbar machen kann. Was ich am Bildschirm sehe, ist immer glatt. Aber wenn ich es in den Raum bringe, dann musst du von einem malerischen Standpunkt über eine Oberfläche nachdenken, über Struktur und Duktus: Wie manifestiert sich das, was ist das dann? Ich interpretiere das Gesehene und versehe es mit einer Oberflächenstruktur.
C. S.: Du arbeitest allerdings derzeit nicht mit klassischen Techniken der Malerei. Abgesehen von Deinen neuesten Zeichnungen handelt es sich bei Deinen Werkreihen um Holzdrucke. Und Du hast auch sogenannte Schreibmaschinen-Zeichnungen angefertigt.

A. B.: Das stimmt. Ich habe während des Studiums ausschließlich gemalt, Öl auf Leinwand – da habe ich mich viel ausprobiert. Das Werk, das ich „gelten lasse“, startet eher danach: an dem Punkt, von dem an ich mit mehr Stringenz einen roten Faden verfolge. Ich versuche eine Umsetzung zu finden, die das Dargestellte sinnvoll aufgreift und bei der sich die Technik dem Dargestellten fügt. Ich sehe mich als Maler, auch wenn meine Arbeit sich nicht direkt in Malerei manifestiert – ich würde es eher als Malerei auf Umwegen bezeichnen. Mich interessiert dabei, die Perfektion des digital Dargestellten auszuhebeln und zu vermenschlichen, indem ich es händisch umsetze – ‚perfect imperfection‘ ist da für mich eine treffende Bezeichnung.

C. S.: Deine Holzdrucke erscheinen auf den ersten Blick wie grobpixelige Computerbilder. Wie kommt dieser Eindruck zustande, wie baust Du Deine Drucke auf?

A. B.: In Anlehnung an die Farbpalette der Spielekonsole des Game Boy Color mische ich meine Öldruckfarben. Ich trage diese 32 Farben auf 1200 einzeln ausgesägte Klötzchen auf und fange dann an, Zeile für Zeile ein Mosaik zu legen. Jedes dieser handgesägten Holzklötzchen repräsentiert einen Pixel im Bild. Ich mache dann händisch das, was der Computer im Bildaufbau macht, wenn er das Bild anzeigt. Das klare Ordnungssystem des Rasters wird durch eine manuelle Umsetzung aufgebrochen und mit einer malerischen Oberfläche versehen. Ich drucke alle 32 Farben simultan, anstatt, wie normalerweise beim Holzdruck, jede Farbe nacheinander. Der Holzdruck erzielt eine sehr malerische Struktur mit dickem krustigen Farbauftrag.

C. S.: Wie bist Du auf die Idee gekommen, Bilder mit einer Schreibmaschine herzustellen?

A. B.: Das war eigentlich ein Zufall. Ich hatte sie gekauft, weil ich eigentlich Visitenkarten damit schreiben wollte. Über eine Spielerei habe ich dann gemerkt: Die Schreibmaschine bewegt sich ebenfalls in einem ganz klaren Raster. Zu der Zeit habe ich an den ersten Pixel- Holzdrucken gearbeitet und gemerkt, dass das denselben Denkansatz verfolgt.

C. S.: Die Ikonographie Deiner Bilder könnte wohl mancher „non-digital-native“ nicht entschlüsseln. Wie würdest Du beschreiben, was zu sehen ist?

A. B.: Die Holzdrucke aus der Reihe „Interface“ (2016) zum Beispiel waren Schlüsselbilder für mich, sie haben alles, was danach kam, sehr beeinflusst. Ich habe mich dabei gefragt: Wie kann ich Malerei am Computer machen? Welche Möglichkeiten bietet mir ein Graphikprogramm, um Malerei zu simulieren? Ich habe ein Airbrush-Tool zum Sprühen, ein Zeichentool, mit dem ich verpixelte Linien machen kann usw. In der Werkreihe nutze ich all das, um den Bildraum durchzustrukturieren und damit Bildkompositionen aufzubauen. Da sind Farbpaletten, Pixelfragmente, Fenster und simulierte, malerische Gesten. Im Endeffekt sind es Meta-Bilder, weil es Bilder über das Bilder-Machen sind. Hier siehst Du ja nicht nur das Bild, sondern auch den Raum, in dem es entsteht und die jeweiligen Tools – die Benutzeroberfläche, die das Grafikprogramm bietet, wird auch abgebildet.

C. S.: Die „Kritzelzeichnungen“ mit dem Touchpad oder der Maus, die jeder von uns schon einmal gemacht hat, sind ein wiederkehrendes Element Deiner Bilder. Was hat es Dir daran angetan?

A. B.: Wenn ich mit dem Trackpad zeichne, dann hat das immer eine andere Dynamik als wenn ich mit dem Pinsel eine Geste auf die Leinwand bringe. Die eine Bewegung kommt aus den Fingern, die Pinselgeste aus dem Arm bzw. der Schulter. Die malerische Geste finde ich im digitalen Kontext sehr interessant, da sie ja eigentlich Ausdruck von genuinem künstlerischem Subjekt ist. Wenn ich sie allerdings am Computer erstelle und sie mit copy-paste beliebig reproduzieren kann, dann hebelt das ihre eigentliche Aussage komplett aus und damit spiele ich sehr gerne.

C. S.: Du zeichnest erst seit kurzer Zeit auch wieder mit der Hand – weshalb hast du Dich entschieden, noch einmal die Technik zu wechseln?

A. B.: Zum einen möchte ich die eigene Hand noch sichtbarer machen und in den Vordergrund rücken – was bei den Zeichnungen ganz klar erkennbar ist, wenn man davorsteht. Auf der anderen Seite geht es mir auch um die Größe. Mit der Schreibmaschine bin ich ja aus technischen Gründen an ein gewisses Format gebunden. Die Größe der Arbeiten ist auch eine Behauptung und wirkt viel entschlossener – ich finde, das tut der Arbeit gut.

C. S.: In Zeichnungen wie „Accumulation I & II“ (2019) stellst Du unterschiedlichste Elemente wie auf einer Art Tafel zusammen – den Mauspfeil, digital-gesprayte Linien, Michelangelos „David“… Was hat es mit dieser Bildform auf sich?

A. B.: Das ist für mich wie ein Setzkasten, oder wie ein Brett, auf dem Schmetterlinge aufgepinnt sind. Es kommt einer Ansammlung gleich. Ein Durchdeklinieren von Elementen aus dem digitalen Bereich, fotografischer Natur und von graphischen Elementen. Es handelt sich um ein nicht wertendes Nebeneinander von Trivialem und Hochkultur. Eigentlich eine „Antikomposition“, die auf sogenannte „Sprite Sheets“ zurückgeht – diese reihen einzelne Elemente von Computerspielen nebeneinander auf, ohne eigentlich ein eigenständiges Bild sein zu wollen.

C. S.: Was ist das Ergebnis dieser „Versuchsanordnung“? Kann der Mensch ebenso präzise zeichnen wie der Computer und ein Computer ebenso viel Persönlichkeit vermitteln wie die analoge Zeichnung?

A. B.: Es geht mir auch hier nicht um Wertung. Ich will von einer malerischen Perspektive aus das Digitale in die Hand kriegen. Ich will es greifbar machen und räumlich erfahrbar.