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„Und dann flog ein fliegender Kühlschrank über das Tal.“

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Anlässlich der Ausstellung „Pli Score Pli“ im Kunstmuseum Solingen, die vom 12. Februar bis 23. März 2017 Arbeiten von Mary Bauermeister und Christian Jendreiko zeigte, entstand dieses Interview mit der Künstlerin in ihrem Atelierhaus in Forsbach.
Le Flash: In Ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Solingen wird ein strukturorientiertes, visuelles Denken in den Vordergrund gestellt. Diese Denkform ist verwandt mit dem Komponieren von Musik. Denken wir einmal an Ihre „Entfaltungsbilder“. Wie können sie als Partituren gelesen werden?

Mary Bauermeister: Da kann ich nichts zu sagen. Meine Faltensachen haben damit zu tun, dass ich Skulpturen machen wollte aus Flächen. Ich habe Papier gerastert und dann in Flächen, zu Raumgebilden gemacht. Vergleichbar könnte man höchstens sagen: Musik im Raum. Ich habe mit Musikern gelebt und wir haben uns inspiriert was Musik, die Malerei oder Architektur betrifft. Die Komponisten sind freier geworden in ihrer Arbeitsweise. Sie haben nicht mehr in Noten, in Halbtönen gedacht, denn stellt euch mal vor, wenn man elektronisch einen Ton hat – Auweiiiouong -, wie willst du das aufschreiben? Da hast du keine Notation. Dann haben die Musiker angefangen, graphisch zu arbeiten, also den ersten Ton und den letzten Ton bestimmt und dazwischen nur eine Linie gemacht.

Le Flash: Frau Bauermeister, betrachten wir beispielsweise Ihre Zeichnung „Needless Needles Nr. 1“: In welcher Relation steht diese zur Seriellen Musik?

Mary Bauermeister: Bei der Zeichnung „Needless Needles Nr. 1“, da habe ich im Grunde seriell gearbeitet. Das ist ein typischer Fall einer ausgedachten Zeichnung. Diese entsteht aus einer Arbeitsweise, die nicht darin besteht, dass man sich etwas vorstellt, sondern dass man sich etwas ausdenkt. Und sehr viele der damaligen Partituren waren genauso. Die Musiker haben das nicht innerlich gehört, sie haben sich eine Arbeitsweise vorgestellt und waren dann selber erstaunt, was als Resultat da rauskam. Die wussten nicht, wie es klingt, weil sie etwas kombiniert haben in der seriellen Technik. D. h. eine Demokratisierung aller Parameter, die natürlich absolut gegen den „Goldenen Schnitt“ geht und gegen jedes Proportionsgefühl. Das war eine Radikalisierung aller ästhetischer Normen. Aber das klang dann so fremd und war sehr schwierig einzustudieren, weil das nicht mehr nachvollziehbar war, und die Musiker haben Aufstand gemacht, die Interpreten haben gesagt wir spielen diese Musik nicht mehr.

Le Flash: In ihren Arbeiten ist oft zu beobachten, dass Sie Farbe sehr gezielt und reduziert einsetzen. Hier in unserem Beispiel von „Needless Needles Nr. 1“ ist die Farbe Rot als einzige vertreten. Wie begründen Sie dies?

Mary Bauermeister: Ich habe nur Rot gewollt. Ich wollte keine weitere Farbe, das bezieht sich jetzt wieder auf eine andere Arbeit, das ist die „Malerische Konzeption“. Die habe ich 1961 im Stockhausen-Kurs gemacht – das hier ist ja ´64 – und da gibt es auch ein ganz kleines ausgeführtes Detail, das ist auch in der Ausstellung, ist ein ganz langer Streifen… das ist in der „Malerischen Konzeption“. Ich habe euch ein bisschen erklärt, was Serielle Musik ist, und diese Zeichnung ist so komplex, da bin ich jetzt selber erstaunt d'rüber, was ich damals so gedacht habe.
Le Flash: Frau Bauermeister, können Sie einen gedanklichen roten Faden durch ihr Werk ziehen?

Mary Bauermeister: Mein gedanklicher roter Faden ist Glückseligkeit beim Arbeiten. Ich bin ein Mensch, der nur glücklich ist, wenn ich künstlerisch schaffe, und wenn ich es nicht tue, werde ich krank. Ich muss jetzt wieder an den Zeichentisch, meine Hand ist kaputt… Weil mich alles andere nervt. Ich bin glückselig wenn ich künstlerisch schaffen kann, wenn ich Dinge herstellen kann, und das Schaffen hat damit zu tun, wenn ich etwas bewirke.

Le Flash: Das kann ich gut verstehen. Wir würden gerne noch auf Ihre Steinbilder zu sprechen kommen. Hier sieht man ja auch wunderbar, wie Sie ins winzige Detail gegangen sind und dann wieder ins ganz Große. In welchem Verhältnis steht zum Beispiel ein kleines Teil zu dem größeren Ganzen?

Mary Bauermeister: Wenn man mir damals sagte: Gott ist allmächtig und ganz groß, da habe ich gesagt: Nein! Gott ist ganz winzig. Weil das war meine Erfahrung! Und in dem Moment, wo es so winzig wurde, dass es fast nicht mehr auszuhalten war vor – ich bin bald geplatzt vor Glücksgefühlen – dann ist das umgekippt, und ich war plötzlich riesig groß. Also dieses Glücksgefühl im Winzigen kippte dann um, also es stülpte sich um – und das ist im Grunde auch eine Faltung, dass die Grenze des Winzigen umkippt ins unendlich Große. Das heißt, dass das unendlich Kleine und das unendlich Große eigentlich dasselbe sind. Ich habe versucht, das dann auch in Worten auszudrücken. Und von daher kommt meine Liebe zu winzig und groß. Und das ist mir in Japan begegnet, ich war 1966 zum ersten Mal in Japan und da ist mir zum ersten Mal dies begegnet, in einer anderen Kultur. Da habe ich gemerkt, in Europa ist alles mittelmäßig klein – halb-groß, halb-klein, halb-laut, halb-leise, halb-nett, halb-wütend – ist alles mit in der Mitte und die Japaner: Baaaaaaah! Ganz laut oder ganz leise, riesengroß oder ganz klein, ganz langsam. Also diese unglaubliche Spannbreite der Dimensionen, das ist mir zum ersten Mal in Japan aufgefallen. Die asiatische Kultur ist viel extremer in allen Parametern, die Lautstärke, in Größe, in Zeit, Maß.
LeFlash: Wir haben da noch eine Frage: Welche Rolle spielen Zahlen in Ihrem Werk, woher kommen diese Zahlen? Wie verhält es sich beispielsweise mit der Zahl 7?

Mary Bauermeister: Zur Zahl 7: Ich habe mich natürlich dann, nachdem ich mich mit der Fibonacci-Reihe und Pythagoras beschäftigt habe; wenn du dich mit Pythagoras beschäftigst, kommst du automatisch zu den platonischen Körpern, Geheimnis pur! Drüben hängt ein platonischer Körper unter der Decke. Oben sind sie in blau auf der Fensterbank. Und ich habe mich also mit Proportionen, also Zahlen – das sind eigentlich auch Proportionen – dann mit Raumproportionen, das sind die platonischen Körper und dann auch mit anderen Zahlenreihen beschäftigt. Also nicht nur mit der Fibonacci-Reihe, sondern mich haben vor allen Dingen die Primzahlen interessiert. Also das sind die Zahlen, die durch nichts geteilt werden können, nur durch sich selber teilbar und durch eins, und da ist die 1 – 3 – 5 – 7. 7 ist die vierte Primzahl und die 7 ist in der Zahlenmythologie eine ganz heilige Zahl. 7 Wochentage, 7 ist die Zahl der Göttin, der Mutter, also im Christentum Mutter Maria, aber es gibt noch ganz andere Kulturen, wo die 7 ganz wichtig ist. Das ist eine mystische Zahl. Und ein Siebeneck zu konstruieren, das ist sehr spannend, man muss also 360 Grad durch 7 teilen, du kannst 350 durch 7 teilen, oder 357, bei 360 Grad da bleiben 3 Grad übrig. Du bist also immer mit einem unendlichen Bruch. Und um ein Siebeneck, einen Siebenstern zu machen, das ist ganz schön schwer. Und das sind natürlich auch so Dinge, die mich interessiert haben; und die 7 ist räumlich nicht darstellbar. Du kannst keine Fläche in Siebenecke aufteilen. Also Viereck ist einfach. Du kannst ein Blattpapier in vier Ecken falten. Du kannst es in Dreiecke falten. Bienen können Sechsecke aneinanderbauen. Es ist immer flächendeckend. Mit einem Tetraeder kannst du Raum verpacken. Deswegen sind ja die Milchtüten als Tetraeder, weil das ist raumfüllend, da ist kein Zwischenraum und du kannst Kuben zwischenraummäßig ohne Zwischenräume machen. In den Zwischenräumen passiert was anderes als in den Räumen. Und ich vermute, dass wir auch über die Zwischenräume, die nicht füllbar sind, in andere Dimensionen kommen. Dass wir gar nicht von Lichtgeschwindigkeit abhängig sind, sondern dass es sozusagen Pforten gibt zwischen den Molekülen oder zwischen der Materie, die nicht materiebedingt ist, die von Raum und Zeit unabhängig ist. Dass wir also ohne irgendeinen Zeitverlust in die entferntesten Galaxien uns beamen können. Meine Theorie – ja das ist jetzt eine Theorie, an der ich im Moment arbeite, das heißt, das sind alles Sachen, die mich auch inspirieren in meinen Arbeiten. Und das schreibe ich dann auch rein, solche Spekulationen. Wenn man behauptet, es gäbe tote Dinge – es gibt nichts Totes, es gibt nur mehr oder weniger lebendig, oder schneller oder langsamer schwingend. Es gibt... – wenn ein Körper, ein Mensch, stirbt, dann ist sein Körper tot, aber, was da sich dann verkrümelt und wieder sich auflöst, das sind chemische Elemente, das ist Erde. Das ist nicht tot. Also das habe ich auch als Kind nicht verstanden, es gibt nichts Totes. Ich habe als Kind, um alles was ich gesehen habe, Farben gesehen und die bewegten sich. Steine bewegten sich sehr langsam und Tiere sehr schnell. Menschen sehr schnell. Feuer – ganz schnell. Und wenn mir einer sagte, die Steine seien tot, NEIN, die sind nicht tot! Die schwingen nur langsamer.
Le Flash: Das ist ja ein wunderschönes Schlusswort hier. Diese Ehrfurcht vor den Lebewesen und vor der ganzen Welt findet man ja auch im kleinen Detail. Vielen Dank, Frau Bauermeister, für dieses intensive Gespräch.

Mary Bauermeister: Ich habe mal das geistige Bild der Spinne gesehen, das ist Mathematik pur. Das ist unglaublich, was für ein geistiges Wesen hinter einer Spinne ist. Das geistige Wesen hinter einer Schnecke ist wie die Urmuttersuppe. Und so hat alles Materielle, was hier besteht, eine geistiges Seele – auch das was wir machen. Ich habe mal einen Traum gehabt, dass es in einer späteren Inkarnation auf einem ganz anderen Planeten, dass uns das, was wir hier gemacht haben, als Lebewesen begegnet. Seitdem bin ich sehr vorsichtig mit dem, was ich mache. Die Dinge leben dann genau wie wir. Also da ist die Roboterwelt ein Kinderspiel gegen. Alles, was hier ist, fliegt mir dann um die Ohren. Im Traum ging ich durch ein einsames Tal, ich weiß nicht mehr, ob ich noch ein Mensch war, aber ich war Bewusstsein, und die Schichten der Erde waren Erdschichten. Und dann gab es eine Schicht, da waren dann, glaub ich, Kühlschränke, Eisschränke, die ganze Technik, Autos und darüber war wieder Erde. Und dann war ich noch ganz glücklich darüber, dass unseres auch nur eine Zeitepoche ist, unser ganzer Blödsinn - und dann flog ein fliegender Kühlschrank über das Tal. Flatterte mit den Flügeln. Also das wird ein lustiges Interview. Vielen Dank.

Das Interview für Le Flash führten Maximiliane Leuschner und Lioba Hürter.