Herrschaft der Dinge von Frank Trentmann
Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis Heute.
16. März 2018
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Nordic Noir – Fotoausstellung der Skandinavischen Filmtage Bonn
30. April 2018

The Cleaner – Marina Abramović in der Bundeskunsthalle

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Schmerz, Grenzen, Kraft, Ausdauer – Marina Abramović fasziniert und polarisiert seit fast fünf Jahrzehnten mit ihren radikalen Performances. Mit der aufwendigen europäischen Retrospektive The Cleaner, die nach Stationen im Moderna Museet Stockholm und dem Louisiana Museum of Modern Art in Humblaek ab dem 20. April in der Bundeskunsthalle in Bonn präsentiert wird, soll das umfangreiche Œuvre der 1946 in Belgrad geborenen Künstlerin nicht nur gezeigt, sondern auch für die Besucher erfahrbar werden.

Eingeleitet wird die große Schau mit Abramovićs nahezu ikonischer Langzeiterfomance The Artist is Present von 2010, bei der die Künstlerin wochenlang im Museum of Modern Art in New York anwesend war und Besucher einlud, ihr gegenüber Platz zu nehmen und auf unbestimmte Zeit über einen Tisch hinweg schweigend mit ihr in Kontakt zu treten. Zahlreiche kleinformatige Videoaufnahmen sowohl von Abramovićs Gesicht als auch den zahlreichen ihrer Gegenüber flankieren die Wände, gefolgt von einem die Ursprungssituation simulierenden Aufbau aus zwei Stühlen und einem Tisch. Der Rundgang führt anschließend weitgehend chronologisch durch das Schaffen Abramovićs, wobei den sowohl privat als auch künstlerisch sehr intensiven Jahren mit Abramovićs langjährigem Kunst- und Lebenspartner Ulay (Frank Uwe Laysiepen) viel Raum gewidmet wird.

Um dem vielfältigen Werk der Künstlerin nachzuspüren werden mehrere konzeptuelle und mediale Formen kombiniert: Zahlreiche mitunter großformatige Fotografien, Klang-, Objekt- und Videoinstallationen sollen Einblicke in die ursprünglichen Aufführungssituationen der Perfomances geben. So ist etwa das berühmte Eiskreuz aus der aufsehenerregenden Performance Lips of Thomas von 1975/2005 samt weiterer Requisiten zu sehen, bei der Abramović sich auspeitsche und mit einer Rasierklinge ein Pentagramm in den Bauch ritzte, welches, während sie reglos auf einem Kreuz aus Eisblöcken lag, durch den darüber befindlichen Heizkörper unentwegt blutete, bis das Publikum schließlich eingriff und die Performance beendete. Neben diesen dokumentarischen Elementen ist es jedoch erklärtes Ziel der Ausstellung, die teilweise Jahrzehnte alten Arbeiten für die Jetzt-Zeit zu aktualisieren und für den Besucher erfahrbar werden zu lassen. So sind sowohl Re-Performances durch speziell ausgebildete Performer als auch partizipative Momente, die den Besucher einladen bestimmte Erfahrungen der Abramović-Methode nachzuempfinden, in die Schau integriert. Täglich wird etwa das gemeinsam mit Ulay 1977 in der Galleria Cummunale d‘Arte Moderna in Bologna erstmals realisierte Werk Imponderabilia wiederaufgeführt. Hierbei standen Abramović und Ulay sich für 90 Minuten nackt im schmalen Eingang des Museums gegenüber, sodass die Besucher allein durch das Passieren dieses engen menschlichen Rahmens in die Ausstellung gelangen konnten. Gegenüber dieser ursprünglichen Situation bietet die Bundeskunsthalle ihren Besuchern einen alternativen Weg im Verlauf des Ausstellungsrundgangs. Ebenfalls zu bestimmten Terminen während der Laufzeit der Ausstellung re-performed werden die beiden Arbeiten Luminosity von 1997, bei dem eine Performerin in hellem Licht nackt auf einem erhöhten Fahrradsattel sitzt, und Art must be beautiful/Artist must be beautiful von 1975, bei der die den Werktitel bildenden Sätze fortwährend wiederholt werden, während das Haar des Performers mit Kamm und Bürste energisch gekämmt wird.
Ein Highlight der Ausstellung bildet die in Bonn Premiere feiernde erste Re-Performance der Arbeit The House with the Ocean View, die Abramović 2012 erstmals in der Sean Kelly Gallery in New York performte und in Bonn vom 12. bis zum 24. Juni 2018 zu sehen sein wird. 12 Tage und Nächte wird die Perfomerin in einer Rekonstruktion der ursprünglichen Situation verbringen: einem erhöhten Verbund aus drei spärlich eingerichteten Räumen, die durch mit Messern versehene Leitersprossen vom Publikum getrennt sind. All ihre Handlungen in diesen 12 Tagen, die ohne Essen und Sprechen zugebracht werden, können von den Besuchern verfolgt werden, vom Schlafen bis zur Benutzung von Dusche und Toilette. Die Akteure aller Re-Performances wurden von Abramović und ihrem Team in Workshops geschult, in deren Rahmen sie mit der Abramović-Methode, die unter anderem Phasen des Fastens und Schweigens beinhaltet, auf die physisch und psychisch ausdauernden Re-Performances vorbereitet wurden. Besucher können Elemente der Workshop-Serie Cleaning the House in der Ausstellung in zwei partizipativen Übungen nachspüren und so einen Eindruck der für alle von Abramović Werken notwendigen Disziplin, Konzentration und Ausdauer gewinnen. Im Rahmen der konzeptuell an die Begegnungssituation von The Artist Is Present erinnernden Übung Mutual Gaze etwa können sich die Besucher zu zweit gegenübersitzen und so sowohl die Verbindung mit dem Gegenüber als auch das eigene Sein im Augenblick spüren. Letzteres ist auch das Ziel der meditativen Übung Counting the rice: In durch bereitgestellte Kopfhörer erzeugter Stille können an einem langen Tisch Reiskörner und Linsen sortiert und gezählt werden, um zur Ruhe zu kommen. Insgesamt ist deutlich zu spüren, dass diese Lebenswerkpräsentation mehr sein will als bloße Archivschau, wobei sowohl die dokumentarischen Elemente als auch die mehrfach stattfindenden Re-Performances und partizipativen Übungen zur Reflexion anregen, inwieweit Erfahrung im Kontext der Ausstellbarkeit und Musealisierung ephemerer Künste wiederholbar und vermittelbar ist.
Marina Abramović

The Cleaner

20. April bis 12. August 2018

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Museumsmeile Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4

53113 Bonn