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Was will das Bild von mir?

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Im Zeitalter von Ultra HD Bildauflösungen im TV und 12-Megapixel Linsen im neusten Smartphone sieht man sich in der Ausstellung „Katharina Sieverding – Kunst und Kapital. Werke von 1967 bis 2017“ in der Bundeskunsthalle einem autobiographischen Bildgedächtnis ausgesetzt. In ihm projiziert die Düsseldorfer Fotografin (*1944) ein komplexes Bild der letzten 50 Jahre in diffuse, großformatige Bildzyklen.
In ihren überdimensionalen Fotoabzügen auf farbigem Fotopapier, den sogenannten C-Prints, bedient sich Sieverding gerne der Überbelichtung (Solarisation), um opulente Verfremdungseffekte zu erzeugen. Bildmotivisch erklärt, kritisiert und seziert die Beuys-Schülerin in ihren Arbeiten oftmals gesellschaftsrelevante Themen wie die Identitätsfrage (Maton, 1969-1972), den Genderkonflikt (Großfotos, 1975-1979) oder politische Schlüsselszenen wie den Abwurf der ersten Atombombe auf Nagasaki im August 1945 (Kontinentalkern I, XXIV-1/83, 1983).

In Zeiten digitalen Konsums, in dem äußere Faktoren häufig ungefragt die kognitiven Fähigkeiten des Menschen außer Kraft setzen, stellen Sieverdings Arbeiten einen Puzzlekasten der Wahrnehmungsmöglichkeiten dar; ein permanentes Angebot an den visuellen Reiz. Ihre Fotografien appellieren an die Neugierde des Betrachters, sie als Verständnisraum wahrzunehmen und individuell zu erkunden. Sieverding kokettiert in ihren Werken äußerst kreativ mit den polymorphen Ausdrucks- und Interpretationsmöglichkeiten eines „Bildes“. Dieses kann durch seine umtriebige Präsenz in Projektion und Print als Entfremdungs- sowie als zeitgeschichtlich relevantes Dokumentationswerkzeug beschrieben werden.
Die komplexe Frage nach dem, was ein Bild leisten kann und was nicht, löst Sieverding in ihren Werken nicht. Stattdessen macht sich die Künstlerin frei von dem Anspruch, eine universal gültige Antwort aufzeigen zu müssen. Ihre Bilder fördern lediglich den Erkenntnisprozess des Betrachters, legen ihm durch den zum Teil autobiografischen Charakter der Werke jedoch keine feste Leitlinie für eine Interpretation vor. Die Deutung von Sieverdings Fotoserien ist vor allem subjektiv angelegt und orientiert sich an der individuellen Erfahrung eines jeden Einzelnen. Die Möglichkeiten des Mediums „Bild“ sind gegensätzlich. Zum einen können Bilder Menschen entfremden, ihnen ihre Identität rauben. Damals wie heute. Zu Beginn der Ausstellung macht dies die 14-teilige Selbstporträt-Reihe Die Sonne um Mitternacht schauen III (1973) eindringlich deutlich, in der Sieverding ihr eigenes Antlitz mit einer feinen Goldstaubschicht so neutralisiert, dass dem Betrachter durch die fehlende Distanz des Kameraobjektivs zum "Objekt" jeglicher Raum entzogen wird, um identitätsstiftende Merkmale wahrzunehmen. Die auf ein Minimum reduzierten Konturen ihres Gesichtes verunmöglichen – trotz großformatigen Close-Ups – ein direktes „Erkennen“ der Porträtierten und provozieren heutige Sehgewohnheiten; das in Zeiten des Selfies zur Selbstverständlichkeit verkommende Anrecht auf die eindeutige Wiedererkennbarkeit einer Person im Format des Porträts wird hinterfragt.

Zum anderen können Bilder auch einen Menschen definieren oder eine Karriere prägen. Der 16-teilige Selbstporträtzyklus Stauffenberg-Block I-XVI (1969/1996) stellt in der Auseinandersetzung mit Katharina Sieverding ein Schlüsselwerk dar: eine Arbeit, für die sie öffentlich hart kritisiert worden ist. In der Betitelung an den Widerstand im Dritten Reich erinnernd sucht man das Gesicht Stauffenbergs in dem Werk jedoch vergebens, stattdessen blickt man in irritierend anmutende Passfotos der Künstlerin. In typischer Sieverding-Manier sind diese solarisiert und in ein glühendes Rot getaucht. Es gibt verschiedenste Theorien zu diesem Werk. Sie kommen von der Künstlerin selbst, von Kunsthistorikern und Museumsbesuchern. Fest steht lediglich: Die Bildreihe emotionalisiert. Sie stellt Fragen und fordert zum offenen Dialog über vermeintliche Versäumnisse der Vergangenheit auf. Wie ist es so gekommen, wie es gekommen ist? Die Stauffenberg-Serie steht dabei exemplarisch für das gesamte Oeuvre von Katharina Sieverding. Dieses reflektiert den zuweilen zwiespältigen Zustand des Zeitgeistes der letzten 50 Jahre, den die Künstlerin hautnah miterlebt hat.

Der hallenartige Ausstellungsbereich wird mit seinen schlichten weißen Raumkorridoren den Dimensionen der Foto-Serien jederzeit gerecht. Die Hängung richtet sich nach den insgesamt 42 Exponaten in der Ausstellung. Sie wirkt flüssig und in ihrem Verlauf entsteht nicht der Eindruck einer optischen Überfrachtung des Raumes. Auf eine streng chronologische Abfolge im Display wird verzichtet. Allein die Vehemenz einzelner Großformate reicht aus, um den Besucher mühelos in den thematisch groben Ausstellungskontext Kunst und Kapital einzuführen und ihn nicht zu überfordern. Ergänzend stellt ein schlichter Hefter die in der Ausstellung präsentierten Werke in knappen Beiträgen vor.
Am Ende eines Rundganges, der eindrücklich die ungeminderte Kraft von Sieverdings machtvoller Bildsprache vermittelt, bleibt die Frage nach dem Ausstellungstitel. Spielen die Verantwortlichen der Bonner Retrospektive darauf an, dass die „Kunst“ nicht so autonom von äußeren Faktoren ist, wie sie es gerne wär? Anscheinend gewinnt im kommerzialisierten Haifischbecken Kunst die kultur-politische Komponente immer mehr an Bedeutung für das „make it or break it“ eines Künstlers und der ausstellenden Institutionen. So pointiert der Titel der Ausstellung „Kunst und Kapital“ treffend die ambivalente Gegenwart zwischen Leidenschaft und Kommerz und ist zugleich Warnung für die Zukunft.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 16. Juli. Die Eintrittspreise können der Homepage der Bundeskunsthalle entnommen werden.