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only revolutions: sehen, was man sehen will

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Ist die unorthodoxe Struktur einer Road-Novel eigentlich übertragbar auf die Präsentation zeitgenössischer Kunst? Seda Pesen ging mit ihrer Ausstellung only revolutions in der Reihe "curated by" der Kölner Galerie fiebach, minninger dieser Frage nach.
2006 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Mark Z. Danielewski (*1966) den Titel stiftenden Roman. Im Mittelpunkt stehen zwei Teenager, die durch die Geschichte reisen: Sam und Haley. Beide sind „Getriebene“ ihrer Zeit, sie fühlen sich unverstanden und ausgegrenzt von der Gesellschaft, die mit Normen und Vorschriften ihr Leben zu reglementieren versucht. Vereint in ihrer Sehnsucht nach individuellen Entfaltungsmöglichkeiten begeben sie sich auf einen Roadtrip durch die amerikanische Geschichte.

Danielewski lässt die Teenager ihre Erlebnisse parallel zueinander erzählen. Ihre Eindrücke decken sich in Kernpunkten, dennoch wird deutlich, wie bunt und inkongruent ein einziger Moment von Person zu Person geschildert und eingestuft werden kann. Das Buch bietet seinem Leser unheimlich viel Raum für eigene Gedanken. Es kommt einer Spielwiese nahe, die unzählige Modelle des latenten Dialogs aufzeigt, ohne dem Leser drängend oder gar wertend zu begegnen. Frei nach dem Moto: Nichts muss. Alles kann.
Für die Umsetzung der literarischen Vorlage in ein freies Pendant der bildenden Künste hat die Kuratorin Seda Pesen Anne de Boer, Felix Breidenbach, Frederik E. & Jakob Sjøberg, Alexander Föllenz, Thomas Geiger, Maarten Van Roy, Tristan Stevens, Morgaine Schäfer und Eugen Wis zu fiebach, minninger eingeladen. Frederik E. & Jakob Sjøberg haben in situ für die Ausstellung gearbeitet, den Rest hat Seda Pesen "ausgewählt" und ins Display integriert. Dort bündelten sich künstlerische Positionen in Form von Installationen, Photographien, Tonspuren und Plastiken zu zwanglosen Zwischenräumen von Tatsächlichem und Erdachtem.
Die Ausstellung ermöglichte das Schlendern: Einen fixen Anfangs- und Endpunkt gibt es nicht. Ein vierseitiger Monolog als begleitender Saaltext umschreibt die einzelnen Positionen, erläutert sie näher und bietet Orientierung - falls diese gewünscht ist. Hier spricht ein namentlich nicht näher benannter „Ich“-Erzähler den Besucher unvermittelt an: Du. So wird Hemmung abgebaut und eine Atmosphäre geschaffen, die einen konstruktiven Gedankenaustausch über das Wahrgenommene im Erzählraum only revolutions erlaubt. In dieser Zwanglosigkeit gelingt es der Ausstellung, eine eigene Dynamik zu generieren.

Schon im Eingangsbereich bot sich die Installation A stage on which to empty your pockets von Thomas Geiger dem Besucher parabolisch als Möglichkeit an unnötigen Ballast loszuwerden. Sie suggeriert bereits den geistigen Expeditionscharakter von only revolutions. Die blanken Taschen sollten - im Idealfall - nicht lange verwaist bleiben, sondern mit Input aus der Ausstellung individuell wieder aufgefüllt werden.
Kognitive Fähigkeiten spielen in der Wahrnehmung von Kunstwerken eine elementare Rolle. Sie sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich ausgeprägt und justiert. Die Skulptur Valantis von Alexander Föllenz im Zentrum der Galerieräumlichkeiten thematisiert das grenzenlose Potenzial menschlichen Denkens: Der Körper der Figur setzt sich zusammen aus dem überdimensionalen Kopf des Künstlers und dem ästhetisch geformten Rumpf eines Kraftsportlers. Der Kopf als Knotenpunkt allen menschlichen Handelns übertrifft hierbei in seiner Bedeutung jede Auswüchse des physisch Möglichen. Er ist ein Statement dafür, dass das Potenzial eigenständiger Gedanken, auch abseits der Norm, weitaus größer ist als das jeder Körperlichkeit.

Fußmarsch im Winter von Morgaine Schäfer ist eine weitere Arbeit, die verdeutlicht, dass Grenzen oftmals nur eine hemmende, abschreckende Fiktion sind. Ein besticktes Tuch, welches bei näherer Betrachtung die Landkarte eines historischen Atlas wiedergibt, wird durchzogen von einer zierlichen roten Linie, die ihren Ausgangs- und Endpunkt in undefinierten Koordinaten hat. Für diese rote Linie stellen (geographische) Grenzen allenfalls Hürden dar, die es zu überwinden gilt.
Gleiches gilt wiederum für mentale Blockaden, die oftmals Erkenntnissen im Weg stehen und ein Voranschreiten verzögern. Sei es in der Wissenschaft oder im alltäglichen Leben. Wahrnehmung samt ihrer Interpretation sind im Konstrukt "Realität" tragende Stützen. Sie gilt es wahrzunehmen und anzuerkennen, seien sie auch noch so (un-)eindeutig. Wie es Danielewski schriftlich vorgemacht hat, kann es zwei Geschichten von ein und derselben Geschichte geben. Gleiches gilt für die Kunst.

Jeder Besucher wird die Ausstellung unterschiedlich wahrgenommen haben und auf eine eigene Reise gegangen sein. Wir alle sind auf eine Reise gegangen. Eine ohne Richtig oder Falsch. only revolutions können und sollen individuell sein, mannigfaltig. Schade, wenn dies nicht so wäre.

PS: Es ist unmöglich only revolutions „unbiased“ zu rezensieren. Diese Tatsache allein zeigt, dass das kuratorische Konzept aufgegangen ist.