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6. Mai 2020

Perry Rhodan und die Frauenbewegung

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Jens Balzers „ Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“

 

Kurze Internetrecherche: Was ist eigentlich typisch 70er? Am Anfang Hippies, lange Haare, David Bowie, irgendwann Ökos und die RAF, später Punk. Ausgelutschte Themen. Wie viele Spiegel-Sonderausgaben zum westdeutschen Terrorismus, wie viele Bildbände „Das waren unsere 70er“, Musik-Sampler mit Bowie, Queen und Elton John braucht es noch? Warum denn noch ein Buch über dieses Jahrzehnt schreiben? Jens Balzer hat es in „Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er“ trotzdem gewagt und tut das einzig Sinnvolle in seiner Situation: er fügt den bekannten Mythen und Legenden über die 70er neue Geschichten und unbekannte Aspekte hinzu. In seinem Buch finden sich also neben den Abschnitten zu Woodstock, der RAF und der Anti-AKW-Bewegung auch Kapitel zu den Fernsehsendungen „Ein Herz und eine Seele“, Kindersendungen wie „Rappelkiste“, Pril-Blumen und Comics. Politische Ereignisse werden genauso behandelt wie Trivialliteratur und natürlich die Popmusik, die sich als verbindendes Element durch den ganzen Text zieht. Doch Balzer beschreibt und wiederholt die Ereignisse nicht nur, damit die älteren Leser sich nostalgisch zurückerinnern können. Vielmehr werden hier Bücher, Filme, Songs, die politischen und die sozialen Bewegungen genauer untersucht und analysiert. Alles wird ernst genommen, der typischen Wohnzimmereinrichtung genauso viel Platz eingeräumt wie der RAF. Jens Balzer schafft es aus banal scheinenden Phänomenen dieser Zeit in aufwendiger und kleinteiliger Analyse und Interpretation verschiedene Entwicklungen der 70er zu erklären. Seine Themen nimmt er ernst, sich selbst zum Glück nicht so sehr. Heraus kommen schöne Sätze wie „Im Vokuhila werden überkommene kulturelle Dichotomien ineinander verschränkt.“ Ah ja. David Bowies Frisur mit einem Exkurs über das Dionysische und das Apollinische zu erklären mag ungewohnt erscheinen, aber genau mit dieser Liebe und Versessenheit für die Details der gesellschaftlichen und (Pop-) kulturellen Entwicklungen schärft Balzer den Blick des Lesers für eine solche sehr genaue Betrachtung.

Das Buch beginnt 1969 mit dem Woodstock-Festival und der ersten Mondlandung. Zwei Ereignisse, die beispielhaft für den Anbruch einer neuen, die Menschen weltweit verbindenden Zeit stehen. Doch diese Hoffnung verliert sich bald, unter anderem mit den Morden der Manson-Family, die die Hippie-Euphorie verschwinden lassen. Vom französischen Philosophen Jean-Francois Lyotard übernimmt Balzer im ersten Kapitel die These, dass damit „das Zeitalter der großen Erzählungen […] vorüber“ ist. Unter dieser Annahme beobachtet er die Phänomene der 70er-Jahre-Kultur und führt den Rückzug aus den großen, überkontinentalen Bewegungen, in kleinere „safe spaces“ zum Beispiel anhand der Disco-Musik oder der Anti-AKW-Demonstranten vor. Auch Motive wie beispielsweise das Finden neuer Bezugsgruppen jenseits des klassischen Familienmodells werden von ihm untersucht. Das Buch an sich ist als Sammlung von kürzeren Kapiteln, zwischen denen immer wieder Vergleiche gezogen werden, und nicht als große Erzählung konzipiert. Dieser Aufbau ist sinnvoll, lässt sich doch nicht immer, wie so oft in geschichtlichen Zusammenfassungen versucht, durch ein ganzes Jahrzehnt ein logischer roter Faden ziehen. Der Autor veranschaulicht eher die Ergebnisse seiner einfallsreichen Interpretationen durch das Aufzeigen unerwarteter Beziehungen und Verbindungen bis in die Gegenwart. Was haben Donna Summer und Can gemeinsam? Was verbindet Perry Rhodan mit der Frauenbewegung? Die aufgezeigten Parallelen sind meist schlüssig, teilweise aber auch weit hergeholt. Sie zeigen aber immer, neben der großen Beobachtungsgabe Balzers, auch seine sprachliche Qualität. Besonders beim Schreiben über Musik merkt man ihm das an. Die Musik von Can bis Kraftwerk findet in seiner Sprache zwischen frickeln, dengeln, glimmen und bellen ihren ganz eigenen Sound.

Der großen Gefahr, bei der Zusammenfassung eines ganzen Jahrzehnt nicht in Verklärung und Legendenbildung zu verfallen, ist der Autor ausgewichen. So thematisiert er David Bowies oft vergessene Phase als „Thin White Duke“, in der er in der Öffentlichkeit seine Faschismus-Fantasien ausbreitete und die jugendlichen Groupies, mit denen Bowie Sexparties feierte, und wirkt so einer überhöhenden Mythisierung des Sängers entgegen. Jetzt, ungefähr 50 Jahre nach der Mondlandung, die dieses Jahrzehnt einleitete, bietet Jens Balzers Buch kurzweilige, unterhaltsame, sprachlich schöne, aber auch kritische Analysen der Kultur der 70er Jahre, mit oft unerwarteten Resultaten. Auch für die, die meinen schon alles zu kennen.

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Cover: Rowohlt

Jens Balzer: Das entfesselte Jahrzehnt. Sound und Geist der 70er

Rowohlt, Berlin 2019, 26 €

ISBN: 978 3 7371 0049 6