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Malerei nach der Malerei, nach der Fotografie, nach dem Bild, nach der Digitalisierung. Avery Singer. Sailor im Kölnischen Kunstverein.
19. Mai 2017
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„Und dann flog ein fliegender Kühlschrank über das Tal.“
1. Juni 2017

Natalie Lettner: Maria Lassnig. Die Biografie

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Ein Leben für die Kunst! So lautete das Credo der eigenwilligen Malerin Maria Lassnig (1919-2014), die sich in zahlreichen Selbstporträts ihr Leben lang mit sich und ihrem Körper auseinandersetzte. Im Frühling 2017 veröffentlichte die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Natalie Lettner die erste umfangreiche Biografie dieser außergewöhnlichen Künstlerin. Maria Lassnig. Die Biografie ist eine aufwendig gestaltete und fast 400 Seiten zählende Publikation, die sich fundiert, kritisch und äußerst leidenschaftlich mit dem Leben und Werk Lassnigs befasst.
Die Lektüre erweist sich nicht nur im Hinblick auf eine Annäherung an Lassnigs künstlerisches Werk als lohnenswert, sondern auch hinsichtlich des Künstlerinnendaseins im 20. Jahrhundert überhaupt, welches von Widerständen und dem Kampf um Anmerkung gezeichnet war. Lassnig und ihre weiblichen Zeitgenossen mussten wiederholt erfahren, dass es bis in die 1960er die bestmögliche Kritik für weibliche Malerinnen zu sein scheint, »wie ein Mann zu malen«. Vor diesem Hintergrund wird anschaulich erzählt, wie die introvertierte Lassnig insbesondere zu Beginn ihrer Karriere um Beachtung ringen muss und Jahrzehnte ins Land gehen, bis ihr zunehmend internationale Anerkennung zuteil wird.
Begonnen hat diese steinige Karriere 1919 in der beschaulichen österreichischen Provinz. Maria Lassnig wird in einer kleinen Kärntner Gemeinde als uneheliches Kind geboren und erlebt ihre Kinder- und Jugendtage trotz ihrer Freude an der Natur als unglücklich. Die fehlende Aufmerksamkeit und Liebe der Mutter wird ihr ganzes Leben an ihr nagen und Motiv zahlreicher Gemälde sein. Anfang der 1940er Jahre studiert Lassnig Malerei an der Wiener Akademie der Bildenden Künste und lernt hier vorwiegend durch das Kopieren der Alten Meister. Als sie 1945 ihr Studium abschließt fallen etwa zeitgleich die Restriktionen durch die nationalsozialistische Kulturpolitik weg und für Lassnig beginnt eine experimentelle Auseinandersetzung mit den modernen Kunstströmungen der Vorkriegszeit. Auf der Suche nach ihrer eigenen Bildsprache setzt die Künstlerin sich in den folgenden Jahren mit expressionistischen, kubistischen, surrealistischen und informellen Ansätzen auseinander. Diese experimentelle Periode in den 1950er- und 1960er Jahren verbringt Lassnig in Wien und Paris, bis sie 1968 schließlich aufbricht um ihr Glück in New York zu versuchen. Neben der Entwicklung von Lassnigs eigenem Schaffen verortet Lettner das Werk der Malerin auch immer wieder im Kunstgeschehen der jeweiligen Zeit und dem künstlerischen Umfeld, in dem Lassnig sich bewegt. So zeigt sie etwa Lassnigs Schwierigkeiten, sich mit ihrer komplexen Malerei Anfang der 1970er in New York zu behaupten, als dort Performance, Minimal Art und Konzeptkunst boomen. Lassnigs große Themen während ihres zehnjährigen Aufenthalts in New York sind insbesondere Film und Feminismus. Wenn auch nicht mit ihrer Malerei findet Lassnig hier zunehmend Anschluss, indem sie trotz ihrer Skepsis gegenüber der Kamera, die sie als seelenlose Maschine empfindet, beginnt eigene Animationsfilme zu produzieren. Zudem steht sie hier in regem Austausch mit zahlreichen feministischen Künstlerinnen, mit denen sie Lesungen und Demonstrationen organisiert. 1980 verlässt Lassnig New York und kehrt nach Wien zurück, um als erste österreichische Malereiprofessorin an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien zu lehren. Neben der kräftezehrenden wie inspirierenden Arbeit mit ihren Studenten bereitet Lassnig zahlreiche Ausstellungen in den angesehensten Ausstellungshäusern Europas und den USA vor und das internationale Ansehen der Künstlerin wächst kontinuierlich.
Der späte Ruhm Lassnigs, so wird bei der Lektüre deutlich, ist zu einem gewissen Anteil auch ihrer extremen Sensibilität, ihrem grundsätzlichen Misstrauen in die Menschen und ihren heftigen Selbstzweifeln geschuldet. So erinnert sich Lassnig etwa, wie Yves Klein in den 1960er Jahren eine ihrer Pariser Ausstellungen besuchte und begeistert fragte, von wem die gezeigten Arbeiten seien – die anwesende Lassnig traute sich nicht, sich als Schöpferin ihrer eigenen Malereien zu erkennen zu geben. Immer wieder behindert ihre Schüchternheit sie im knüpfen von wichtigen Kontakten. Diese Persönlichkeitsstruktur scheint Fluch und Segen zugleich zu sein. Sich selbst zu vermarkten liegt der Künstlerin eben sowenig wie das wichtige Netzwerken mit der Wiener Kunstszene. Wenn sie ausgeht, scheint dies mehr notwendiges Karrierekalkül denn Vergnügen zu sein - tagelang muss sie sich nach geselligen Abenden in den Künstlerkneipen erholen. Künstlerisch hingegen ist ihr ausgeprägtes Gespür für ihre Empfindungen mehr als wertvoll. Durch ihr Lebenswerk hindurch ist ihr besonderes Bewusstsein für den eigenen Körper zentrales Thema ihrer Arbeiten. Sie malt nicht, wie sie sich sieht, sondern wie sie sich selbst wahrnimmt. So etwa kann, wenn Lassnig unter ihrer starken Lärmempfindlichkeit leidet, das Ohr im Selbstporträt entsprechend gigantische Ausnahme annehmen. Je nachdem, wie sich ihr Arm anfühlt, wird dieser mal als dünner Draht, mal als schwülstiges Fleisch auf der Leinwand dargestellt - oder er wird gar nicht gemalt.

In oft poetisch ausformulierten und nicht selten selbstironischen Tagebucheinträgen reflektiert die Künstlerin das Erlebte, ihre oftmals schwierigen Liebesbeziehungen und vor allem ihre künstlerische Entwicklung. Viele dieser Selbstaussagen aus Interviews und den Tagebüchern, die Lassnig ab den 1940er Jahren regelmäßig führt, lässt Lettner in ihre lebhafte und anschauliche Schilderung von Lassnigs Leben einfließen. Dabei stellt die Autorin Lassnigs oftmals ambivalenten Aussagen sehr differenziert dar und nimmt eine kritische Einordnung dieser vor. Lassnig, die in vielen ihrer Arbeiten Bezug auf die eigene Lebensgeschichte nimmt, betonte mehrfach, dass man, wenn man etwas über sie wissen wolle, ihre Arbeiten betrachten solle. Diese erste umfangreiche Biografie bietet eine wunderbare Ergänzung zu diesem Vorhaben und ist eine einfühlsame Einführung in den wundersamen Kosmos der Maria Lassnig.
Natalie Lettner: Maria Lassnig. Die Biografie
Christian Brandstätter Verlag, Wien 2017
ISBN: 978-3-85033-905-6
29,90 € [D]
https://www.brandstaetterverlag.com/buch/maria-lassnig