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Skulptur Projekte Münster 2017_Teil 1
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Screen Shot 2017-09-01 at 10.45.57 AM
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Krieg hautnah.

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In Away From Home widmen sich syrische Exilkünstler der Thematik „Krieg und Flucht“ auf eindringliche Art und Weise. Die im Künstlerforum Bonn von Dr. phil Karin Adrian von Roques kuratierte Ausstellung zeigt Werke von Ammar Al Beik, Tammam Azzam, Khaled Al Saai sowie Hamid Sulaiman. Als verbindendes Element wurde der Berliner Künstler Christian Awe eingeladen.
Teile der Show wurden 2016/17 bereits im Kunstverein der Grafschaft Bentheim gezeigt. Für Bonn wurde die Ausstellung nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich erweitert. Schließlich hat sich auch die Geschichte seit Bentheim weiterentwickelt. Die Inhalte der Ausstellung haben nichts an Aktualität verloren. Doch haben sich die Rahmenbedingungen verändert: Die Wahrnehmung geflüchteter Menschen in der Öffentlichkeit hat sich gewandelt. Wie selbstverständlich haben sich zunehmend negative Begriffe, wie „Flüchtlingsinvasion“ in den allgemeinen Wortschatz geschlichen. Menschliche Schicksale werden oft nur noch abstrahiert betrachtet.

Away From Home steht hingegen für einen persönlichen Zugang. Man trifft auf Künstler und Kunstwerke, die sehr unterschiedlich mit Bürgerkrieg und Fluchtursachen umgehen. Im Eingangsbereich des Künstlerforums zeigt der Foto- und Filmemacher Amar Al Beik Ausschnitte von Instagram-Posts, die seine Orientierungsversuche in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Spandau dokumentieren. Sie protokollieren sein Ankommen in einer fremden Kultur, sein Suchen nach Berührungspunkten sowie seinen Wunsch teilzunehmen und sich auszutauschen - sozusagen ein Online-Dienst als Plattform, um sich durch zaghaftes Bildermachen ein neues soziales Umfeld zu erschließen.
Anbei finden sich ausgewählte Stücke seiner Lost Images–Serie. Einer Reihe aus Archivbildern, die Al Beik auf Flohmärkten in Damaskus sammelte und zusammenstellte. Einmal im Hochformat die syrische 50er-Jahre Version von Adam und Eva: Der Mann als tapferer Soldat und Verteidiger der Heimat. Die Frau, bildhübsch, als Heimchen am Herd ohne Rolle im öffentlichen Leben. Die strikte geschlechtliche Rollenverteilung im Syrien des Hafez al-Assad. Parallelen zum Deutschland dieser Zeit lassen sich nicht leugnen. Die Längswand zeigt eine noch deutlichere Referenz zur jüngeren deutschen Geschichte. Einander gegenübergestellt sind ein und dieselbe Szene: Eine Frau läuft eine Straße in Berlin entlang. Bei der namenlosen Frau auf dem linken Bild handelt es sich um eine Jüdin, die während des Nationalsozialismus ihre Heimat verlassen musste. Das rechte Äquivalent zeigt die Gegenwart. Eine geflüchtete Frau, die in Berlin Zuflucht und Schutz gefunden hat - wie sich die Zeiten doch ändern. Umrahmt werden die schwarz-weiß Abzüge von Torsos-Darstellungen. Der Künstler versteht sie als Symbole antiker Verkörperung menschlicher Werte und Tugenden.

Al Beik steuert ferner drei Filme bei: The Sun’s Incubator, Kaleidoscope und Dolce Siria. Besonders die ersten Sequenzen des Letzteren verdeutlichen die Ironie seines Titels. In Referenz zu Federico Fellinis Meisterwerk La Dolce Vita (1960) sind Soldaten in einem Flugzeug zu sehen. Sie machen gerade ein Selfie. Soweit nichts Verwerfliches. Doch befinden sie sich in einem Militärflugzeug, welches augenblicklich Bomben regnen lässt auf die Gegend, die es gerade überfliegt. Bei der Stadt handelt es sich um eines der kulturellen Zentren Syriens und Hochburg des Widerstands gegen das Assad-Regime: Aleppo. Ebenso wenig wie es das süße Leben in der preisgekrönten italienischen Vorlage gibt, existieren humane Lebensbedingungen in Syrien.
In der großen Halle trifft man auf Khaled Al Saai und Christian Awe. Al Saai wuchs in einer Kalligrafen-Familie auf. Dieses traditionelle Handwerk führt er nun in vielschichtigen Großformaten künstlerisch fort. Sein Wunsch die Kunst des Kalligrafierens in seiner Heimatstadt Damaskus einer breiten Öffentlichkeit in einem Schulungszentrum näherzubringen, widersprach den Ansichten des Assad-Regimes. Kurze Zeit später verließ der Künstler seine Heimat und ging ins Exil nach Dubai. Christian Awe ist Spezialist für Kunst-am-Bau. In Berlin gestaltete er das Wandbild Begegnung an der Fassade der niedersächsischen Landesvertretung in unmittelbarer Nähe des Holocaust Mahnmal. Seine Gemälde fertigt er in der speziellen Methode der „Wassermalerei“ an. Jenes ästhetische Element in Awes Kunstwerken stellt für viele Flüchtende eine gewaltige Hürde auf ihrem Weg aus dem Kriegsgebiet des Nahen Ostens nach Europa dar. Die Rede ist natürlich von der Überquerung des Mittelmeers.

Mit Al Saai geht Awe in Bonn einen Dialog im Kunstwerk selbst ein. Dieser Austausch ist flächenhaft, vielschichtig und brüchig. Der deutsche Begriff des „Miteinander“ etwa findet durch Al Saai sein arabisches Gegenstück. Schwer zu entziffern und doch kommen die beiden Künstler aufeinander zu, um einen Annäherungsprozess zu initiieren, der als Vorbild auf etliche soziale, kulturelle und gesellschaftliche Ebenen projiziert werden kann.
Im Obergeschoss findet ein Fotografie-Abzug des im Original 3 x 10 m großen Wandbildes it is happening there von Al Saai. Das an Pablo Picassos Guernica (1937) erinnernde Bild erzählt, in Mischtechnik und in arabischer Leserichtung von rechts nach links, die Geschichte des syrischen Bürgerkrieges. Von den frühesten Demonstrationen von Jugendlichen, die für Reformen auf die Straße gingen bis hin zum Blutvergießen der jüngsten Vergangenheit. Eingerahmt wird dieses Anti-Kriegs-Statement durch Fotocollagen von Tammam Azzam.

Seine Version von Gustav Klimts Kuss (1908) hat ihn in sozialen Medien berühmt gemacht. Azzam verbindet zerbombte Ruinen des syrischen Bürgerkriegs mit Schätzen der westlichen Kunstgeschichte zu beklemmenden Zeugnissen menschlicher Möglichkeiten. Der Mensch ist fähig, ein ästhetisch schönes Kulturgut zu schaffen, wie Klimt, er kann aber auch Verwüstung und Tod bringen, wie momentan in Syrien.
In den Graphic Novels von Hamid Sulaiman findet die Ausstellung ihren unmittelbarsten Bezug zur alltäglichen Tragödie des syrischen Bürgerkrieges. Sulaimans grafische schwarz-weiß Arbeiten thematisieren den Alltag, der trotz des Krieges für die Zivilbevölkerung irgendwie weitergehen muss. Seine Comics erzählen von der Indoktrination und Erziehung von Kindern im Sinne der Kriegsparteien. Seine Arbeiten sind schattig, doch erscheinen sie äußerst lebendig und eindringlich. Drei Adjektive, die auch das Schicksal der einfachen Menschen im syrischen Bürgerkrieg beschreiben. Ein Umstand, der in Zeiten der Diskussion um Flüchtlingsobergrenzen immer öfter vergessen wird.

Die Ausstellung ist noch bis zum 17. September im Künstlerforum Bonn (Hochstadenring 22, 53119 Bonn) zu besichtigen.
Die Öffnungszeiten entnehmen Sie bitte der Homepage des KÜFO: www.kuenstlerforum-bonn.de

Der Eintritt ist FREI.