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Galerie Judith Andreae

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lebendig, zeitgenössisch, in Bewegung
Wie Sperrmüll, Wohnzimmerausstellungen und Galeriefeste die Kunst beeinflussen: Wir haben Judith Andreae besucht, um mit ihr über Kunst, das Galeriewesen und ihre zukünftigen Pläne zu plaudern.

Als die Schulglocke noch zur großen Pause schellte, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass sich die Klassenräume einmal zu Bildträgern zeitgenössischer Kunst wandeln würden. Nach einer einjährigen Kernsanierung öffnete Judith Andreae das Gebäude im Mai 2012 erstmals wieder. Das Einmaleins und den Kartoffeldruck der ehemaligen Grundschule ließ sie hinter sich und läutete die zweite Ära des Gebäudes ein. Die Galerie Judith Andreae war geboren.
Als Ausstellungsfläche dient neben dem zentralen Treppenhaus und den linker- und rechterhand abgehenden, lichtdurchfluteten Räumen im Erdgeschoss auch die Kellerebene. Nach dem Abstieg ins Erdreich offenbart sich in kühler Atmosphäre ein dritter, mit Schwarzlicht ausgestatteter Ausstellungsbereich. Bei sinkendem Deckenniveau muss sich der Besucher seinen Weg durch den verschachtelten Keller bahnen. Hinter jedem Durchbrunch, hinter jeder Ecke kann etwas Neues zum Vorschein kommen und ebenso schnell wieder aus dem Blickfeld verschwinden wie es aufgetaucht war. Ein Wechselspiel aus Neugierde erwecken und Entdecken.

Im bürgerlichen Villenviertel Bad-Godesbergs möchte Andreae vor allem aufstrebenden Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform bieten und damit neue Reize durch junge Positionen in dem Stadtviertel etablieren. So stellte bis Anfang Juli Marcel Odenbachs Schülerin Viktoria Strecker (Kunstakademie Düsseldorf) ihre objekthaften Arbeiten in der Ausstellung ANAMNESIS aus. Wie florale Gewächse wucherten die Polyamidstrukturen die Galeriewände empor und formierten sich zu ornamentalen Gebilden. Die Objekte entstanden mit der Technik des 3D-Pens, der wie ein 3D-Drucker funktioniert: Die Künstlerin malt in der Luft und das Polyamid härtet zu dreidimensionalen Plastiken aus.

Gleichzeitig verweisen die Gebilde auf das Naturinteresse der Galeristin. Die gelernte Landschaftsarchitektin interessiert sich für den künstlerischen Ausdruck von Urstrukturen und Landschaftsformen. Wie die Natur auf uns Menschen einwirkt und was wir von der Natur lernen können, sind zentrale Fragen. Als Galeristin-auf-Umwegen könnte Andreaes Werdegang im Hollywoodstil umschrieben werden. Nach ihrem Studium arbeitete sie jahrelang als Landschaftsgärtnerin und im Bereich der Denkmalpflege. Geprägt durch Naturbezüge begleitete sie die Kunstaffinität seit Studententagen.
Nach eigener Aussage legte sie damals „mehr Wert auf Originale an den Wohnungswänden als auf die Einrichtung“ – dazu diente vornehmlich der Speermüll. Ihre kuratorische Tätigkeit erprobte die vierfache Mutter später „zum Leidwesen ihrer Familie“, wie sie mit einem Augenzwinkern bemerkte, in Form von Wohnzimmerausstellungen. Im trauten Heim sollte gezeigt werden, wie der Mensch mit Kunst lebt und sie in den Alltag integriert. Fern von Kunstmarktpreisen und White Cubes hatten die Kunstwerke hier noch die Daseinsberechtigung als Liebhaberstücke. Den Voyeurinstinkt durch genehmigten Eintritt in ein fremdes Wohnumfeld zu stillen, stand in diesen Fällen sicherlich für die meisten Besucher im Vordergrund.
Andreaes Galeriebetrieb gliedert sich in Galerie- und Gastkünstler. Zum festen Künstlerstamm gehört mit Sabrina Haunsperg, Felix Contzen und Viktoria Strecker eine junge Künstlergeneration, die sie als Galeristin im besten Falle von den Anfängen bis ins Museum begleiten möchte. Aus diesem Grund versucht sie, so oft wie es die finanziellen Mittel zulassen, Kataloge zu publizieren. Allerdings zeigt Andreae in ihren Ausstellungen auch Werke von GastkünstlerInnen, die keineswegs eine zweite Geige im Galerienetzwerk spielen. Persönliche Verhältnisse sind ihr wichtig. So gewährt sie den KünstlerInnen stets Übernachtungsmöglichkeiten bei ihrer Familie und veranstaltet Galeriefeste, bei denen sich regionale, nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler kennenlernen können. „Die Galerie ist ein Leidenschaftsberuf“, der Andreae „immaterielles Glück“ beschere, wie sie sagt. Darum scheint es ein schwieriges Unterfangen zu sein, die Waage zwischen dem Ort des künstlerischen Freidenkens und dem Wirtschaftsbetrieb Galerie in Balance zu halten.

Ihr Wunsch für die eigene Zukunft soll die Galeristin auf die Art Cologne führen. Denn auch wenn Bonn stets im Schatten des künstlerisch versierten Kölns zu stehen scheint, sei nicht zu unterschätzen, was es in den Straßen der alten Bundeshauptstadt zu entdecken gilt.