Fotos wie Filmstills

Peter Lindbergh Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen & Guinevere van Seenus Brooklyn, 2015 © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh Universal Studios, Los Angeles, 2004 © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh Universal Studios, Los Angeles, 2004 © Peter Lindbergh
(Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

 

 

 

 

Peter Lindbergh – „Untold Stories“ im Kunstpalast Düsseldorf

Ein hoher dunkler Saal, beklebt mit einer riesigen Fototapete. Schauspielerinnen, Models, ganz nah, weit entfernt, in Gruppen, alleine, alles in Schwarz-Weiß. Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt vom 5.2. bis zum 1.6. Peter Lindberghs „Untold Stories“ und erzählt mit seinen Modefotografien andere Geschichten als die Hochglanzmagazine.

Ein Foto sticht heraus. Es ist eines der wenigen Fotos, die nicht in Schwarz-Weiß gehalten sind. Richtig bunt ist es trotzdem nicht. Auf einer dunklen, schmutzigen Straße steht eine Frau. Man sieht sie von der Seite, sie blickt nach oben. Zu einem anderen Haus? In den Himmel? Man sieht es nicht. Doch von da wo sie hinblickt, scheint ein Licht, ein großes Spotlight, auf sie. Fast wie ein überirdisches Zeichen, das Lindbergh aus dem Himmel schickt. Auf dieser dreckigen Straße führt dieser Lichtstrahl vom Himmel zur Frau und erhebt sie aus ihrer tristen Umwelt.

Das Foto ist von 2002, doch jetzt, nach seinem Tod im September 2019, geht man mit anderen Augen durch die Ausstellung. Peter Lindbergh, der große deutsche Modefotograf, hatte für „Untold Stories“, so der Titel der Ausstellung, die Bilder wenige Tage vor seinem Tod selber ausgewählt und zusammengestellt. In der Einsamkeit und stillen Kraft, die aus vielen seinen Bildern zu sprechen scheint, fühlt man sich unmittelbar an sein Ableben erinnert.

Bildunterschrift: Peter Lindbergh Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen & Guinevere van Seenus Brooklyn, 2015 © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh Sasha Pivovarova, Steffy Argelich, Kirsten Owen &
Guinevere van Seenus Brooklyn, 2015 © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

 

Peter Lindbergh Uma Thurman, New York, 2016 © Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Peter Lindbergh Uma Thurman, New York, 2016 © Peter Lindbergh
(Courtesy Peter Lindbergh, Paris)

Was erwartet die Besucher?

Hauptsächlich Fotos von Frauen. Er hat sie alle fotografiert: Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Uma Thurman, Kate Moss und all die anderen Supermodels und Superschauspielerinnen. Portraits von Prominenten sind in der Ausstellung gemischt mit Fotostrecken für Modemagazine. Schöne Frauen schön abgelichtet oder steckt mehr hinter den Modefotografien? Schön abgelichtet trifft es nicht ganz. Lindberghs Fotos sind nicht klassisch schön. Über den Gesichtern hängen große Schatten, eine unscharfe Figur im Vordergrund verdeckt den halben Kopf, Personen sind nur angeschnitten oder überschneiden und verdecken einander. Es sind keine perfekt ausgeleuchteten Studioaufnahmen, sie sehen zumindest nicht so aus. Lindbergh ist Natürlichkeit wichtiger, Spontanität und das Unperfekte, das seine Bilder vor der Langeweile zu glatt produzierter Modeshootings rettet. Im Flyer der Ausstellung ist von „Intimität“,„Authentizität“ und einem „neuen Realismus“ die Rede. Gesichter, die nicht perfekt ausgeleuchtet sind und Falten zeigen: Was heutzutage altbekannt scheint und bei Instagram weltweit gefeiert wird, war damals neu.

Gerade das Ausschnitthafte, das Close-Up, und im Gegensatz dazu das Weite ist in vielen seinen Bildern zu sehen. Wie im Film wechselt Lindbergh zwischen extremer Nähe und weiten Ansichten und bringt so die Fotostrecke in Bewegung. Die Ähnlichkeit zum Film stellt sich beim Betrachter schnell ein. Mafia, New York City, Maschinenhalle, Pariser Café. Die Sets und Kleider, Posen und Blicke der Models erinnern an große Filme: Fotos wie Filmstills. Doch auch hier, in den großen Kulissen, zwischen der teuren Designermode, blitzt das Unperfekte hervor. Lindbergh versucht die klassischen Motive der Glanz- und Glamourwelt neu darzustellen. Wie bei dem Foto, das den berühmten Hollywood-Schriftzug nur halb von hinten zeigt.

Trotz der unterschiedlichen Settings erzählen viele Bilder ähnliche Geschichten. Eine Frau alleine im Café, ein vergessenes Paar Schuhe, eine leere Parkbank, verlassene Landstriche oder im anonymen Großstadttrubel New Yorks. Einsamkeit und Leere, davon handeln also viele der „Untold Stories“. Nein, Lindbergh hat keine Angst vor den ganz großen Themen, er ist sich auch bewusst, dass ein zurückgelassenes Paar Schuhe oder eine verwelkte Sonnenblume keine besonders originellen Bildsujets sind. Denn die große Dramatik ist ihm genauso eigen wie das Unperfekte. Die inszenierten Bildwelten sind genauso seins wie das Authentische. Kitsch mit Anspruch: Peter Lindbergh schafft es beide Welten zu verbinden und hat so die Modefotografie seit den 1980er Jahren verändert.

In den hinteren zwei Räumen sind Fotos und ein Video namens „Testament“ zu sehen. Portraits eines zum Tode verurteilten Mörders. Die Fotos eröffnen den Blick auf den anderen, den unbekannten Peter Lindbergh, der nicht nur Mode fotografiert. Doch dieser Teil ist klein und wirkt merkwürdig unabhängig von den restlichen Bildern. Wie groß sein „zweites“ Werk ist, bleibt unklar. Generell gibt es wenig Texte, Hintergründe oder Vergleiche mit anderen Fotografen. Die Bilder sollen für sich wirken und stehen. Doch die „Pionierleistung“, wie es im Flyer der Ausstellung heißt, für die Modefotografie und sein oft beschworener, großer Einfluss, werden so nur erahnbar. Spaß machen die Bilder trotzdem.