Ein modernes Eingangstor zur Stadt: Die Südüberbauung

„Der Bahnhofsvorplatz und die Südüberbauung gehören zu den hässlichsten Stellen der Stadt Bonn“, „Bausünde“, „Bonner Loch“, so die Meinungen der Presse. Der Bonner Oberbürgermeister selbst setzte sich am 25. Januar 2017 in den Bagger, um den Abriss eigenhändig zu beginnen. Doch werden diese Meinungen und Taten der Südüberbauung und dem Bahnhofsvorplatz nicht gerecht, denn diese Bauten sollten einst das moderne Bonn, die provisorische Bundeshauptstadt, repräsentieren.
Einen Vorplatz vor dem 1883 erbauten Bahnhof gab es bis in die 1970er Jahre nicht. Parallel zum Neurenaissancebahnhof verlief die Bahnhofstraße, gesäumt von einer Reihe Kastanien. Auf der gegenüberliegenden Seite entstanden, im Bereich der ehemaligen Bastion, Gebäude in Blockrandbebauung mit Läden, Wohnungen und einem Hotel. Der Zweite Weltkrieg verschonte die beiden Blöcke um die Poststraße, die vom Mittelpavillon des Bahnhofes zum Münsterplatz führt. Die Idee zu einem Platz vor dem Bahnhof entstand, als 1969 diese damals noch geringgeschätzten Bauten im Zuge des U-Bahnbaus abgebrochen wurden. So stellte sich die Frage, wie Bonn ein zeitgemäßes und modernes neues „Stadttor“ erschaffen könne, um Bahnhof und Innenstadt miteinander zu verbinden. Der Architekt und Stadtplaner Friedrich Spengelin wurde 1972 für diese Frage herangezogen und fertigte Gutachten und Entwürfe für den Bereich zwischen Bahnhof und der sich im Bau befindlichen Cassiusbastei an. Spengelins Idee war es, einen Platz zu erschaffen, der Durchgang, aber auch Ort zum Verweilen ist. Zwei Gebäude, die Süd- und die nicht realisierte Nordüberbauung, sollten den Platz einrahmen. Diese Gebäude orientierten sich an den bestehenden Höhen der umliegenden Gebäude, was an der Südüberbauung heute noch durch ihre Abstufung zum Bahnhof hin erkennbar ist. Im Erdgeschoss entstand eine Passage mit Läden, deren Pavillons sich um einen Lichthof gruppierten, welcher mit der Passage im Untergeschoss verbunden war. Hier sollte ein Wasserfall die beiden Ebenen verbinden. Ein markantes Detail an der mit eloxiertem Aluminium verkleideten und durch vertikale Pfosten gegliederten Fassade ist der langgezogene Eckerker, der zum Bahnhof und Platz hin ausgerichtet ist. In diesem hatte ein Café seinen prominenten Platz, während das im Komplex ansässige Hotel Continental in Richtung des Siebengebirges orientiert war.
Der terrassierte Bahnhofsvorplatz verbindet Stadt und Bahn, Verweilen und Durchgang, und ist durch die Passage unter dem Bahnhof zugleich Übergang zur Weststadt und U-Bahn. Die Passage ist zum Tageslicht geöffnet; durch Lichtsäulen fällt tagsüber Licht in den Untergrund und nachts beleuchten diese den Platz. Dieser ist in zwei Bereiche gegliedert: den Durchgang zwischen Poststraße und Passage und den ruhigeren, vertieften Bereich in dem sich durch die verschiedenen Ebenen eine theaterähnliche Situation bildet. Die so entstehende Bühne schmücken ein Brunnen und zwei Platanen. Die breiten Stufen können als Sitzmöglichkeiten benutzt werden, durch integrierte Blumenbeete erhält die Struktur zusätzlich einen Parkcharakter. Während der Realisierung des Projekts änderte sich die Wertschätzung der Bauten des 19. Jahrhunderts, stark beeinflusst durch das europäische Denkmalschutzjahr 1975. So entstand der Wunsch nach Erhaltung dieser Bauten, wie man sie heute noch an der Stadtseite des Platzes sehen kann. Von diesem Wertewandel blieben auch die Projekte für den Bahnhofsvorplatz nicht unberührt: Die Cassiusbastei konnte durch den Erhalt der Bauten nicht vollends ausgebaut werden und die Pläne für die Nordüberbauung wurden nicht weiter verfolgt.

Kritik gab es zu dieser Zeit aber auch aus den Reihen der Professorenschaft des Kunsthistorischen Institutes der Universität Bonn, die 1977 „einen Verzicht auf Experimente“ von Spengelin und der Stadt forderten. Zudem kritisierte Prof. Dr. Heinrich Lützeler im Generalanzeiger vom 14./15. Mai 1977, dass Spengelin das menschliche Maß vernachlässige, der Bahnhofvorplatz städtebaulich keinen Bezug auf das historische Bonn nehme und sich doch am Barock orientieren solle. Spengelin widersprach ihm in allen Punkten, seine Planungen seien sehr wohl auf eine Eingliederung und Bezugnahme ausgerichtet. Von der Bonner Bevölkerung wurde der Platz 1979 positiv angenommen und gelobt. Dennoch begann parallel dazu ein neues Gutachterverfahren um den Bahnhofsvorplatz. Es blieb nur bei Plänen, bis 2017 nun die TenBrinkeGroup die neue Süd- und die developer Projektentwicklung GmbH die Nordüberbauung realisieren werden. Der großzügige Platz verschwindet, die neuen Bauten rücken so nah aneinander, dass nur noch ein enger Durchgang zum Bahnhof bleibt, der zudem noch die Verbindung zwischen unterirdischer Passage und Straße aufnehmen soll. Architektonisch muss man sich fragen, ob wir bei den Neubauten die differenzierte Fassaden- und Raumgliederung der Südüberbauung und des Platzes vermissen werden und ob diese den Raum vor dem Bahnhof und den Bahnhof selbst nicht verbauen, durch eine Architektur die dem Begriff des „Klotzes“ vielleicht näher kommt als die Bauten der 1970er Jahre. Dies bleibt für jeden abzuwarten und bei Fertigstellung selbst zu beurteilen.
Hinweis:

20. Februar, 19 Uhr, Kaiserplatz 1, Kirchenpavillon an der Kreuzkirche:

Bonner Baukultur Salon: Großer Zapfenstreich für einen „Klotz“: Buchvorstellung des Architekturführers „Bahnhofsvorplatz“:

Philipp F. Huntscha: Bahnhofsvorplatz. Architekturführer der Werkstatt Baukultur Bonn, Band 7. 60 Seiten, 5,– €. ISSN: 2196-5757

Das Heft ist erhältlich im unabhängigen Bonner und Beueler Buchhandel, bei Führungen der Werkstatt Baukultur Bonn sowie auf Bestellung per E-Mail an versand@baukultur-bonn.de und unter www.edition-ka.de/architekturfuehrer/.