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Der Straßenbahn-Voyeur

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Schlafende, Lesende, Schauende, Starrende und einer, der dieses Bild in den Kölner Straßenbahnlinien festhält: Tim Piotrowski, der Straßenbahn-Voyeur.
Im Vierer schräg gegenüber liest der Mann im blauen Wintermantel die Zeitung. Das Mädchen mit der großen Brille neben ihm schaut auf ihr Smartphone. Sie ist nicht die Einzige. Viele der Leute, die sich hier für kurze Zeit, zum Teil sogar nur für wenige Momente, versammeln, sind in ihre virtuelle Welt vertieft. Wieder andere hören Musik, lesen in einem Buch oder lassen ihre Blicke durch die Fenster schweifen. Die Frau einige Reihen weiter vorn hat eine Papiertüte bei sich. Links und rechts von ihrem Bein lassen sich türkisfarbenen Druckbuchstaben einer bekannten Modemarke erkennen. Ob sie vom Einkaufen kommt? Was sie wohl gekauft hat? Oder transportiert sie etwas ganz Anderes in der Tüte? Warum guckt der Mann so traurig? Wo fährt die Dame wohl hin?

Das sind Beobachtungen und Fragen, die wahrscheinlich schon jedem einmal in der Straßenbahn durch den Kopf gegangen sind. In Kontakt miteinander treten dabei die wenigsten. Diesen zweckbestimmten Ort, den die meisten schnellstmöglich wieder verlassen möchten, um so wenig Zeit wie möglich zu verlieren, nutzt der Designer und Illustrator Tim Piotrowski auf ganz andere Weise. Seit einem Jahr zeichnet er seine Mitfahrenden in unterschiedlichen Kölner Straßenbahnlinien. „Um Menschen zu zeichnen, muss ich keinen Aktzeichenkurs besuchen. Ich zeichne lieber in der Straßenbahn.“ Viel Zeit bleibt ihm dabei allerdings oft nicht. Viele der Passagiere steigen ein, fahren lediglich zwei bis drei Stationen und verlassen die Bahn wieder. Bewaffnet mit Stift und Block skizziert er Fremde mit schnellen und fragilen Strichen, ohne auch nur ein Wort mit ihnen zu wechseln. Zuhause am Computer koloriert er seine Zeichnungen, möglichst in den originalen Farben, wie er sagt, und haucht ihnen damit Leben ein.
Mit seinen Zeichnungen bildet Piotrowski allerdings nicht nur ein Gesellschaftsbild ab. Da er viel auf seinem eigenen Arbeitsweg zeichnet, fängt er auch die Stimmung in den öffentlichen Verkehrsmitteln ein, die er charmant als „Feierabend-Emotionen“ beschreibt. Das Betrachten seiner Bilder kommt fast einer Sozialstudie gleich. Die meisten Menschen sind in sich gekehrt, vertieft in eine Tätigkeit oder suchen mit ihren Augen die wenigen Leerstellen in der Bahn. Deshalb zeigen die meisten seiner Bilder auch Einzelpersonen, die nicht in Kontakt mit anderen stehen. Hier scheint jeder zu versuchen die Gesellschaft der anderen auszublenden. „Vielen kann man sogar ihre Anspannung anmerken“, sagt Piotrowski. Manchmal verhindert es aber auch die Zeit, Konversationen festzuhalten. Ein Beispiel ist der braunhaarige Junge, der auf den leeren Sitz neben sich schaut. „Eigentlich sprach er mit seiner Freundin, die kurze Zeit später die Bahn verließ.“ Piotrowski zeichnet ausschließlich die Personen, die er in der Bahn erlebt. Steigen sie frühzeitig aus, bleiben sie unvollendet wie die Frau links des Jungen. Einige Zeichnungen sind auch die Kombination von zwei unterschiedlichen Momentaufnahmen, die er nacheinander skizziert und wie in einem Zeitraffer zusammenbringt.

Aus den unterschiedlichen Zeichnungen, die Piotrowski auf Instagram (subwaystudies) postet, ist nun ein Buch entstanden: „Subway Studies“. Dieses zeigt viele seiner Straßenbahnbegegnungen, unterschiedlichste Menschen im konformen Akt des Straßenbahnfahrens. Durch die strahlenden Farben erhalten sie einen comichaften Charakter, die ebenso viele Geschichten erzählen und Fragen aufwerfen wie im Alltag – mit dem Buch wird diesen Situationen mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Piotrowski verleiht einer solch simplen Idee eine ungeheuerliche Ausdruckskraft, die vielen Menschen sicherlich nicht nur bekannt vorkommt, sondern auch ein schmunzeln ins Gesicht zaubert.
Auch wenn die Straßenbahn sicherlich kein Lieblingsort ist, bieten die Wagons einen Raum, an dem wir für einige Minuten unbesorgt unser müdes, erschöpftes, trauriges oder gelangweiltes Gesicht offenbaren können. Und hin und wieder sind auch lächelnde Gesichter zu entdecken.

Weitere Informationen zum Buch Subway Studies auf:
http://www.subwaystudies.de/