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Der ‚andere‘ Kirchner.

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Der Maler, Bildhauer und Grafiker Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), neben Fritz Bleyl, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel Mitbegründer der Künstlergemeinschaft Brücke, gilt u.a. wegen seiner Varieté- und Straßendarstellungen Berlins als wichtigster Vertreter des deutschen Expressionismus.

In dieser Rolle hatte er prägenden Einfluss auf die europäische Avantgarde. Kirchners Wirken auf jene bekannten Zyklen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg zu reduzieren täte dem umtriebigen Künstler indes unrecht. Die Ausstellung Ernst Ludwig Kirchner. Erträumte Welten in der Bundeskunsthalle zeigt uns einen ‚anderen Kirchner’.
Die von Katharina Beisiegel vom Art Centre Basel in Zusammenarbeit mit dem Kirchner Museum Davos und der Bundeskunsthalle realisierte Ausstellung widmet sich anhand von rund 220 Exponaten - 56 Gemälde, 72 Zeichnungen, 45 Fotografien, zehn Skulpturen sowie vier Skizzenbüchern von 41 Leihgebern aus sieben Ländern - einer bisher weniger beachteten Facette seiner Persönlichkeit: Sie zeichnet das Bild eines Suchenden. Zeitlebens hatte Kirchner ein ausgeprägtes Faible für imaginäre Expeditionen in fremde Kulturräume. Besonders das außereuropäisch genuin ‚Andersartige’ faszinierte ihn.
Das Verlassen der heimischen Komfortzone und das tatsächliche Reisen hinein in dieses Unbekannte scheute er jedoch. Stattdessen waren Völkerkundeschauen und ethnologische Museen in Dresden und Berlin Quellen seiner Inspiration. Die Vorstellung der Spiegelung kulturell Fremden mit vertrauter Realität deutschen Großstadtlebens empfand er als stimulierenden ästhetischen Anreiz, dem er in seinen ausdrucksstarken Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen nachging.

Schloss Kirchner die Augen so werden sich ihm in seiner Fantasie exotische Welten voller Farben eröffnet haben. In Werken wie Zeichnung nach Benin-Bronzerelief (1910) oder Akt mit afrikanischem Hocker (um 1912) adaptiert er ethnografische Objekte aus fremden Kulturräumen derart selbstverständlich zu immer wiederkehrenden Motiven in seinen Kompositionen, dass sie dem Erinnerungsschatz eines weitgereisten Kosmopoliten ähnlicher erscheinen als dem eines Mannes, der sich zeitlebens lediglich in Deutschland und der Schweiz aufhielt.

Die Bonner Schau deckt sämtliche Schaffensphasen Kirchners in ihrer Diversität ab, ohne dabei der vieldiskutierten Brücke-Phase zu viel Raum zu geben. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt bedacht auf der etappenweisen Skizzierung der Lebensumstände zwischen 1909 und dem Freitod im Juni 1938. Besonders die Werke, die im Davoser Exils nach 1918 entstanden erfahren neue öffentliche Beachtung. Nach dem Krieg physisch schwer gezeichnet ist Kirchner mürbe und geplagt von Depressionen sowie Existenzängsten.
Er versucht mit Hilfe des künstlerischen Monologs Erlebtes und Gefühle zu verarbeiten. Dabei zeigt er sich zerbrechlich. In dieser Zeit entstehen emotionsgeladene Berglandschaften wie das Triptychon Alpenleben (1917-19) oder Porträts wie Die drei alten Frauen (1925/26).

Es gelingt der Ausstellung den ‚anderen’ Kirchner zu zeigen, einen persönlicheren Kirchner, einen abseits des Hypes der Brücke. In Bonn trifft man auf einen Künstler dessen Neugierde für ihn Fluch und Segen zu gleich wurde. Kirchner als Getriebener in einer Zeit von Irrungen und Wirrungen.