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Malerei nach der Malerei, nach der Fotografie, nach dem Bild, nach der Digitalisierung. Avery Singer. Sailor im Kölnischen Kunstverein.

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In der Woche der 51. Art Cologne eröffnet der Kölnische Kunstverein zeitgleich, aber unabhängig voneinander, zwei Ausstellungen. Neben Danny McDonnald – The Beads and other objcts ist auch Avery Singer. Sailor zu sehen.
2013 stellte sich Avery Singer mit einer Soloausstellung, The Artists betitelt, bei Kraupa-Tuskany Zeidler in Berlin, erstmals einer breiteren(Kunst-)Öffentlichkeit in Deutschland vor. Zuletzt waren Arbeiten Singers u.a. im Amsterdamer Stedelijk Museum zu sehen. Die dort präsentierten Arbeiten thematisieren die Funktionsweise des Kunstmarktes und die sozialen Strukturen rund um die zeitgenössische Kunst 1 – zumeist auf Ebene des Sujets.

So zu sehen in ihrer Arbeit The studio visit von 2012 (Abb. 1 Avery Singer: The studio visit, Acryl auf Leinwand, 2012). Mit André Rottmann gesprochen ist diese Malerei, in Bezug auf ihre sozialen Bedingungen, selbstreferenziell 2. Seither hat sich das Werk der 1987 geborenen Künstlerin beständig erweitert. Die aktuelle Ausstellung Sailor ist aus der Secession (Wien, AT) nach Köln gewandert. Es ist Singers erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland. Die aktuellen Arbeiten Singers, die im Kölnischen Kunstverein gezeigt werden, lassen sich hingegen – wieder Rottmann folgend – als selbstreflexiv beschreiben. Der Großteil ihrer Malereien ist im Kunstverein in der Ausstellungshalle im Erdgeschoss zu sehen. Die durchfensterten, langen Seitenwände sind aus diesem Anlass mit Stellwänden verschlossen worden3. Auf zweidrittelhöhe des Ausstellungsraumes, vom Eingang aus, trennt eine von rechts kommende Wand den Raum in einen größeren vorderen Bereich und eine kleineren hinteren.

Im vorderen Raum dominieren grisailleähnliche Arbeiten, in denen nur vereinzelt blaue Elemente die grau-schwarze Palette durchbrechen. Die Sujets der Bilder entstehen zunächst digital, in SketchUp, einem 3D rendering-Programm am Computer – daraufhin werden sie auf die Leinwände projiziert und dort unter Zuhilfenahme von Klebeband und Air-Brush fixiert. Hierbei ist der Arbeitsprozess als integraler Bestandteil des Werkes zu betrachten, wie Frances Loeffler argumentiert 4.In Bezug auf die Bildkonstruktion ist das einleuchtend zumal er auch an den Arbeiten selber ablesbar wird. Nach Isabell Graw lässt sich dieser Prozess als einer der Remediation beschreiben. „Remediation findet immer dann statt, wenn die mit eine[m] Medium assoziierten Bedingungen […] imitiert, wiederholt und wiederaufgeführt werden.“5 Die klassisch(-sten) Medien der bildenden Kunst werden hierin in eine Hybride nachdigitalisierte Form gebracht. Skulpturale Gestaltung findet sich in den digitalen Vorarbeiten am Computer, malerisches Arbeiten schreibt diese in einem mehr und mehr entsubjektiviertem Prozess auf der Leinwand ein.

Formal sind die Sujets aus Kuben zusammengesetzt. Hier werden – auf der Ebene des Dargestellten – neben früher Computergrafik auch Verweise auf die avantgarde Malerei, speziell z.B. den Bildaufbau des Kubismus und die konstruktivistische Malerei evoziert (Abb. 1). Die verwendete Palette aus Grau- und Schwarztönen verweist auf die Grisaille, die seit der Renaissance für die mimetische Wiedergabe von Skulpturen 6 in der Malerei beliebt war.
Der Übergang zum hinteren Raum der Ausstellung wird durch zwei kleine Papierformate gestaltet. Auf dem rechten Bild, Ohne Titel (2016), ist ein blau schimmerndes Tablet-display zu sehen. Es wird von links in den Bildausschnitt gehalten (Abb. 3). Diese kleine Papierarbeit weist nicht nur durch ihre formale Erscheinung auf den hinteren Teil der Ausstellung, indem das Tablet als Zeigegeste gelesen werden kann, vielmehr verweist auch das Sujet des makellos glatten Tablet-Displays auf die Arbeiten die uns erwarten. Denn diese sind ähnlich dem oben beschriebenen Verfahren angefertigt, jedoch durch einen Air-Brush Drucker ausgeführt. Sie sind auf eine spezielle Grundierung aus Marmorstaub gebracht, die es ermöglicht besonders glatte Oberflächen mittels Politur zu erreichen. Singer verlässt in diesen, in ihrer Ausführung vom Menschen befreiten, Malereien den Bereich der figurativen Referenz auf die Umwelt und erprobt verschiedene abstrakte Bildmittel. Farbe, Form und Komposition stehen hier vermehrt im Zentrum der Aufmerksamkeit (Abb. 4 und Abb. 5).

Singer zeigt nach dem häufig proklamierten Ende der Malerei oder gar dem Ende der Kunst, dass beides weiterhin möglich ist ohne verstaubt und outdated zu sein. Davon kann man sich noch bis zum 11.07. im Kölnischen Kunstverein Überzeugen.
Avery Singer (*1987, NY) lebt und arbeitet in New York. Sie studierte von 2005 – 2010 an der Cooper Union for the Advancement of Science and Art in New York, 2008 an der Städelschule Frankfurt a. M. und 2013 in Skowhegan, Maine, an der Skowhegan School of Painting and Sculpture.

1. Vgl. „Her first solo exhibition at Kraupa-Tuskany Zeidler in Berlin last year, for example, was a satiric take on the art industry and ist conventions. Works with titles such as The studio visit (2012), Jewish Artist and Patron (2012) and The Great Muses (2013) play on myths around the romantic figure of the artist.“ (Frieze No. 164, Summer 2014: Kasia Redzisz: Painting as sculpture as performance. S. 172-173)

2. André Rottmann: Einführende Überlegungen zur Beharrlichkeit der zeitgenössischen Malerei, in: Graw, Isabell und Geimer Peter: Über Malerei. Eine Diskussion, Köln, 2012, S. 7 – 14, hier S. 10.

3. An dieser Stelle sei angemerkt, dass man durchaus in Frage stellen kann, ob der Kölnische Kunstverein die Richtige Adresse für eine solche Ausstellung ist. Nicht nur wegen der für Malereien schwierigen Raumsituation. Im Folgenden soll es um die Arbeiten Avery Singers gehen und explizit nicht um die Aufgabe und Rolle von Kunstvereinen in der gegenwärtigen Kunstwelt. Da Singers Malereien aus Sicht des Autors auf verschiedenen Ebenen die Malerei auf interessante Weise in die Gegenwart transformieren.

4. Frances Loeffler: Avery Singer, in: Cura 17, 2014, S. 128 – 135, hier S. 129.

5. Isabell Graw: Das Versprechen der Malerei. Anmerkungen zu Medienunspezifik, Indexikalität und Wert, in: Graw, Isabell und Geimer, Peter: Über Malerei. Eine Diskussion, Köln, 2012, 15 – 39, hier S. 23.

6. „But her grissaile also alludes to renaissance paintings-of sculptures and hints at that old superiority debate [Paragone], while her version of mimesis appears to reference Adorno´s rather than Plato´s: the idea that expressiveness is at the core of an artwork rather than representation in the form of imitation.“ (Sleek, iss. 38, 2013, S.117).