Was darf es sein?

Zwischen Ständen mit perlender Prickelbrause, delikaten (und zugegebenermaßen sehr teuren!) Sushi-Häppchen, einer Handvoll Bücherecken von Monopol & Co sowie tosender Stimmenkulisse & zig Stellwänden fand vom 16. – 19.11 wieder einmal die älteste Messe für zeitgenössische Kunst statt. Kunstmessen wie die Art Cologne bedienen ein sehr breites Publikum. Kunstinteressierte Besuchende genießen die reine Dichte an zeitgenössischer Malerei, Skulptur und Plastik, um den kulturellen Horizont zu erweitern. Kunsthistoriker: innen (und diejenigen, die mal welche werden wollen) halten sich auf dem Laufenden. Kulturjournalist: innen und Kunstkritiker: innen sehen, staunen, schaudern und schreiben. Sammler: innen hingegen schätzen den Zapping-Effekt, den solch ein Event bietet und manch einer lässt sich inmitten des rauschhaften Wettbewerbs zu Ungewöhnlichem verleiten wie François Pinault: Der Milliardär und Großsammler besorgte sich 2005 in Handwerkerklamotten vor allen anderen einen Zugang zu den Messehallen der Art Basel. Doch wie sieht es auf der anderen Seite aus? Galeristen verkaufen inmitten der stickigen, lärmenden und hektischen Atmosphäre weit mehr als im stillen Ambiente daheim. Schlagzeile dieses Jahr: Die renommierte Galerie Thaddaeus Ropac wurde einen Anselm Kiefer für 1,2 Mio. Euro los … Art Basel, TEFAF, Frieze Art Fair und die älteste unter ihnen strotzen nur so vor etablierter Kunst, großen Namen und noch größeren Preisschildern. Doch die abstrakt-düsteren Welten von K.R.H Sonderborg oder die quietschbunten von Andy Warhol sind bekannt. Was ist also mit den Newcomern? Welche neuen, künstlerischen Talente liefern gerade das „Tüpfelchen auf dem i“ in der Kunstszene von München über Berlin, Düsseldorf bis nach Hamburg? Auch in diesem Jahr wurden herausragende, künstlerische Positionen in den Förderkojen präsentiert, die sog. „New Positions“. Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, wurden 20 Künstler: innen von einer Fachjury ausgesucht. Genauer bestehend aus Anja Casser (Direktorin des Badischen Kunstvereins in Karlsruhe), Nadine Droste (Direktorin des Bielefelder Kunstvereins), Krist Gruijthuijsen (Direktor der KW Institute for Contemporary Art in Berlin) und Thomas Scheibitz (Künstler und Professor an der Kunstakademie Düsseldorf). Die Förderkojen funktionieren wie kuratierte Einzelausstellungen, umfassen überwiegend mehrere Werke, Werkgruppen oder Installationen – in allen Medien. Im Folgenden werden sechs dieser Postionen vorgestellt. Cheers!
Irina Ojovans (Galerie COSAR) Gemälde und Skulpturen zeugen von einer emblematischen Formensprache und subtilen Farbkontrasten. Oftmals sind es Strukturen und Gegenstände, die sie in ihrer Umgebung wahrnimmt und stark abstrahiert. Die Reduktion der Bildkompositionen auf geometrische und farbige Formen breiten sich im Bild zu einer flächigen Räumlichkeit aus. Die Strukturen tragen nicht nur etwas figuratives, sie haben auch einen architektonisch wirkenden Charakter inne. Ihr Vater war Architekt, dessen Freunde allesamt Künstler: innen und Musiker: innen. Viele ihrer Arbeiten sind innerviert durch Erinnerungen an die Kindheit. Abstrakt und doch nahbar!
Schalen voller Früchte und Pflanzen, die sich im Bild herumranken oder auch Landschaften gehören allesamt zu einer traditionellen Bildsprache. Lisa Vlaemminck (Galerie rodolphe janssen) fügt diesen Elementen eine nahezu frische und fast schon exzentrische Komponente hinzu. Die Künstlerin erkundet die Grenzen der Malerei und hinterfragt traditionelle Bildelemente durch deren Platzierung hinter semitransparenten Schichten von Farbe. Was bleibt ist ein zunächst familiäres Gefühl des Bekannten, welches jedoch ganz schnell durch eine Erkenntnis ersetzt wird: Nichts ist so wie es scheint! In T-Bone Steak (2023) kulminieren Landschafts-, Tier-, Pflanzen- und Früchtedarstellungen mit amorphen Spaces. Vlaemminck würdigt traditionelle Bildelemente, indem sie diese neu interpretiert. Dieser Moment des Augenzwinkerns gen Tradition ist in der (jungen) Kunstszene häufiger zu sehen. Fernab der Fantasie befasst sich bspw. Elisa Breyer in ihrer Kunst mit Alltagselementen, die sich unserer Aufmerksamkeit entziehen. Mit einer Prise Voyeurismus und der Neugierde nach Identitätsstiftendem fängt sie als neutrale Beobachterin scheinbare Banalitäten ein. Zwischen Florenz und Pisa, Mosquito Bissen und Schweißperlen entstand 2022 das ausgestellte Stillleben „My cow is not pretty, but she is pretty to me“ mitsamt Oliven, Trauben ein Stück Feige, Spargel und einer Birne. Und auch in Ivana de Vivancos Œuvre kulminieren etliche kulturelle Einflüsse wie südamerikanischer Barock, flämische Malerei und magischer Realismus.
Im digitalen Zeitalter begegnen wir alltäglich einem Bilderstrom. Ob Instagram & Co oder unsere eigene Bildergalerie: Es scheint schwerer, Bilder noch als etwas Besonderes anzusehen. Jonas Roßmeißl (Klemms's) befasst sich mit deren exponentiell wachsender Anzahl und Einfluss auf soziale und kulturelle Prozesse. Wie bei Vlaemminck kommt es zu einer Symbiose von tradierter Symbolik, hinzu kommt jedoch einfache Mechanik und hochtechnologische Programme. Voraussetzung für den Künstler ist eine intensive Recherchephase, fast schon wissenschaftliche Erforschung sowie das Appropriieren von Technologien. Für die New Positions wirft er Fragestellungen zu Öffentlichkeit, Entität und Intimität auf: Wie ist es um die Utopie einer Kollektivität und politischer Handlungsräume unter repressiven Systemen und dem Einfluss von Technologie und rationalisierter Re-Produktion in der Gegenwart bestellt? Wie um Vulnerabilität und Empathie? Gibt es überhaupt noch Wille und Potenzial zu Ausbruch und Veränderung? Natalie Paneng (Galerie Eigen & Art) behandelt die grenzenlosen Möglichkeiten des Digitalen. Endlose Bilder, GIFs und Videos – ob als Konsument oder Produzent – ermöglichen es einem jegliche ästhetische Variationen, die man im Kopf verspürt, zu bedienen und zu manifestieren. In der digitalen Welt können wir alles sein und wir müssen nicht denselben Regeln und Kodexen folgen wie im echten Leben. In der realen Welt gibt es den Glauben: Gott, Allâh, jāhṿe, Brahma, Vishnu und Shiva. An eine göttliche Entität wird in jeder Kultur geglaubt und gleichzeitig an ihr gezweifelt wie in Form der Theodizee-Frage. In Panengs Welten hingegen existiert eine digitale Gottheit und deren physische Welten. Die Künstlerin inszeniert Räume, Situationen, Handlungen und Identitäten. Die Kunstschaffende hat sich Fotografie und die Technik der Videografie selbst beigebracht, wobei ihr Fokus auf Selbstporträts liegt. Selbstporträts, die sie kontinuierlich weiterentwickelt, und sich selbst als verschiedene Persönlichkeiten und Charaktere darstellt. Sie ist die Protagonistin! Paneng kreiert kaleidoskopische, traumvolle und surreale Aussichtspunkte. Das Ergebnis: Eine Mixtur aus Realität und Virtualität.
Schrottplätze können ein wahres Schlaraffenland für Künstler: innen sein. In den Mittfünfzigern verwendete der amerikanische Künstler John Chamberlain Industrieschrott von Autos. Was findet man noch so alles auf Schrottplätzen? Vielleicht industriell gefertigte Rohlinge? Gebrauchtes Material ganz sicherlich. All diese Sachen finden Einzug in Simon Herkners (Galerie Elisabeth & Reinhard Hauff) Werke. Daneben Produkte der Konsumkultur wie Kleidung oder Accessoires. Der Kunstschaffende setzt hier ganz bewusst die Gebrauchsspuren auf den glänzenden Oberflächen aus Metall oder den Kartonagen ein wie in Her Inheritance (2022). Der Akt des Aufbaus und Inszenierens ist eminent für Herkners Arbeiten, in denen er auch mit Sound und Musik experimentiert. Auch die Arbeiten von Gülbin Ünlü (Galerie Jahn und Jahn) stehen ganz im Zeichen der Experimentierfreudigkeit. Die Künstlerin zelebriert den mash-up. Analog zu dem britischen Theoretiker Mark Fisher, der Retro als beherrschenden Modus der popkulturellen Produktion beschrieb („Wir erwarten nichts anderes als Retro.“), schafft sie aus den künstlerischen Fragmenten verschiedener Epochen ihre ganz eigenen zeitgenössischen Kunstwerke, indem sie mit der Überlagerung und Überforderung dieser Fragmente spielt. Mit ihrem interdisziplinären und multimedialen Ansatz vereint sie u. a. Malereien, Foto,- und Videoarbeiten, Performance und musikalische Elemente. Ergebnis hiervon sind Werke wie Purple Rain (2023), It ain’t over ‘til it’s over (2023) oder Witch better have my money (2023). Für ihre Förderkoje präsentierte die Kunstschaffende eine Boden,- sowie Wandinstallation, die zentrale Augenblicke ihrer Praxis miteinander verbinden. Mit der Nutzung von künstlicher Intelligenz verflechtet sie kunsthistorische Traditionen mit popkulturellen Referenzen und autobiografischen Elementen. All dies resultiert in die Schöpfung fiktionaler Narrative … „Post Sci-Fi-Orient“, wie Ünlü ihren Kosmos gerne betitelt.
Wie bei jeder Besprechung bleiben am Ende nicht nur Eindrücke, sondern auch jede Menge Fragen: Welche künstlerische Position ist am spannendsten? Ist es die abstrakte, doch sehr persönliche Welt von Ojovan? Die Neubetrachtung traditioneller Bildelemente von Vlaemminck? Die nahezu wissenschaftliche Erforschung von Roßmeißl? Strotzt Panengs Fähigkeit, sich immer wieder in ihren Werken neu zu erfinden, nicht vor Kreativität? Apropos erfinden: Ist es am Ende nicht doch die pure Experimentierfreudigkeit von Herkner oder der „Post Sci-Fi-Orient“ von Ünlü?
Also, wofür entscheiden Sie sich?
Über NEW POSITIONS
Das „Förderprogramm für junge Künstlerinnen und Künstler NEW POSITIONS auf der ART COLOGNE“ wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages mit einem Projektzuschuss von 35.000 EUR. Seit 1980 konnten knapp 1.000 Künstler: innen ihre Arbeiten einem breiten Publikum präsentieren. Dieses Jahr gab es sowohl die jüngste Künstlerin- Ambra Durante bei Galerie Friese- als auch den ältesten Künstler – Erwin Kneihsl bei Guido Baudach- des gesamten bisherigen Förderprogramms. Die Künstlerinnen überwiegen in diesem Jahr gegenüber ihren männlichen Kollegen mit einem Verhältnis 13:7. Traditionell ist die Malerei die am häufigsten vertretene Gattung. Dieses Jahr sind jedoch objekthafte Arbeiten, Skulpturen und Installationen sowie Arbeit auf Papier und Fotografie gleichermaßen vorhanden. Über Jahre engagieren sich Galerien kontinuierlich für junge, noch nicht etablierte oder im Kunstmarkt bislang nicht gewürdigte Positionen von herausragender künstlerischer Qualität. Die vom BVDG regelmäßig durchgeführten Evaluationen zeigen außerdem: mehr als 80% der geförderten Künstlerinnen und Künstler arbeiten auch nach drei bis fünf Jahren noch mit ihrer Galerie zusammen.

Titelbild: Art Cologne, Eingang Süd ©Koelnmesse / ART COLOGNE