227ff97b-81f5-469b-9d70-556265648fd7
Als ein Tagebuch die Welt veränderte
15. Juni 2018
image
Museologische Triologie // Kunsthistorisches Institut Bonn
4. Juli 2018

Vom umweltfreundlichen Komposthaufen zur ökologisch korrekten Hinrichtung

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
In Bonn präsentiert „zur nachahmung empfohlen! expeditionen in ästhetik und nachhaltigkeit“ Werke von über 60 Künstlerinnen und Künstlern. Zwischen technischer Innovation und künstlerischer Praxis verhandelt die Ausstellung ökologische Fragestellungen und verweist in ihren stärkeren Momenten auch auf die Widersprüche zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit.
Gut zwei Jahre standen die Räumlichkeiten der ehemaligen Bonner Volkshochschule leer. Von dem 1829 erbauten Schulgebäude wurde lediglich noch der Hof genutzt – als Parkplatz. Mit dem Einzug der Ausstellung hat sich dies nun geändert. Teile des Parkplatzes wurden von den Besucherinnen und Besuchern im Rahmen der Ausstellung bereits mit Hammer und Meißel entsiegelt, um Platz für nachwachsendes Grün zu schaffen. Dazu bewirbt ein großes Banner die im Inneren zu sehende Ausstellung. Es zeigt ein Standbild aus „under discussion“, einer Videoarbeit des Künstlerduos Allora & Calzadilla. Zu sehen ist ein Mann, der einen umgedrehten Tisch zum Motorboot umfunktioniert hat und in türkisfarbenem Wasser Richtung Horizont steuert. Adrienne Goehler, die Kuratorin der Ausstellung, will eben jenes Bild als Parabel zur Ausstellung verstanden wissen: Die Tische, an denen sonst über Ökologie und Nachhaltigkeit verhandelt wird, sollen umgedreht und praktisch nutzbar gemacht werden. Sinngemäß also: Weniger verhandeln, mehr machen.
Einige Arbeiten tragen dieser Absicht geradezu mustergültig Rechnung. Die „Compo-Station“ des mexikanischen Designers Ariel Rojo kombiniert so beispielsweise einen Küchentisch mit einem Kompostiersystem. Etwas komplizierter, aber ebenso nützlich, gestaltet sich die Arbeit „Synchronicity 2“ von Jakub Szczesny. Von ihm stammt das Modell einer schwimmenden Plattform mit integrierten Fitnessgeräten. Wer jene benutzt, liefert damit Energie für eine Filtermaschine, durch die umliegendes Wasser gereinigt wird.
Es gibt allerdings auch Abseitigeres zu sehen: Im 20-minütigen Kurzfilm „Flooded McDonald's“ der Künstlergruppe Superflex kann man der Flutung einer McDonald‘s-Filiale beiwohnen. Die Arbeit verweist einerseits auf den hohen Wasserverbrauch der Fast-Food-Kette, bewahrt sich andererseits aber auch eine künstlerische Eigenständigkeit mit durchaus humorvollen Momenten. So treibt neben Pommes, Burgern und Pappbechern auch eine Ronald McDonald-Figur durch die Unterwasserfiliale der Fast-Food-Kette. Dauergrinsend und freundlich grüßend schwimmt sie gelegentlich durchs Bild. Selbst der Mitarbeiter des Monats bleibt von den Wassermassen nicht verschont. Auch sein Portrait wird gegen Ende des Films von den Fluten verschlungen.

Ähnlich humorvoll gestaltet sich eine Arbeit des Künstlerkollektivs SCHAUM. Deren großformatige Fotografie zeigt einen nahezu restlos abgeholzten Wald. An einem der wenigen verbliebenen Bäume befindet sich ein kleiner roter Schrank, in dem man üblicherweise einen Feuerlöscher vermuten würde. Tatsächlich befindet sich in dem Notfallschrank jedoch ein Aromaspray der Sorte „Waldduft“. Man fühlt sich an die Praxis des Greenwashings erinnert, jene Marketingstrategie, mit der heutzutage jedes noch so umweltschädliche Produkt als nachhaltig beworben wird, gemäß der Logik: Für jeden Quadratkilometer Wald, der gefällt wird, werden andernorts fünf neue Bäume gepflanzt. Nachhaltigkeit in homöopathischen Dosen – auch nicht viel mehr als ein Raumerfrischer der Sorte „Waldduft“.

Neben künstlerischen Positionen und technisch-innovativen Objekten aus der Welt des Designs will die Ausstellung zudem auch aufklären. In vielen Räumen finden sich so Informationen zu Plastikmüll, Wasserverbrauch, Gentechnik oder Patentrechten. Ihre Stärke entfaltet die Ausstellung jedoch insbesondere dort, wo sich ökologische Positionen mit einer kapitalismuskritischen Perspektive verbinden. Eine ebensolche Perspektive entwickelt Renzo Martens Film „Enjoy Poverty“. Er thematisiert den grundlegend kolonialen Charakter des globalen Kapitalismus, in dem die westlichen Externalisierungsgesellschaften Ressourcenförderung, Warenproduktion und die Entsorgung von Abfällen in den globalen Süden ausgelagert haben. Es muss an dieser Stelle betont werden, dass die Popularisierung ökologischen Bewusstseins in den westlichen Gesellschaften dieses Verhältnis bemerkenswerterweise immer weiter zuspitzt. So erfordern die derzeit vielgepriesenen umweltfreundlichen Technologien riesige Mengen an Konfliktmineralien. Beispielsweise wird für die Herstellung der Lithium-Ionen-Batterien von Elektroautos massenhaft Kobalt benötigt, das unter anderem aus dem Kongo stammt und dort unter unmenschlichen Bedingungen gefördert wird. Schadstoffärmere Luft wird so auf Kosten von Menschenrechtsverletzungen erkauft. Renzo Martens „Enjoy Poverty“ thematisiert die Totalität dieser kolonialen Strukturen in Bezug auf den Kongo treffend, indem er auf eine Struktur der doppelten Ausbeutung verweist. Im Kongo profitieren westliche Unternehmen nicht nur von den menschenunwürdigen Zuständen bei der Förderung von Konfliktmineralien, sondern auch von der ökonomischen Verwertung des dadurch verursachten Elends. Martens konstatiert, dass für westliche Hilfsorganisationen und Reporter das Elend und die Armut selbst zu einem lukrativen Geschäft – zur Ware – geworden sind. Im Film rät Martens den Kongolesen zynisch zur Aneignung der ökonomischen Verwertung der eigenen Armut. Er empfiehlt Fotografien von Elend und Armut an westliche Presseagenturen zu verkaufen, was sich im Verlauf des Filmes jedoch als unmöglich herausstellt. Das Monopol auf die ökonomische Verwertbarkeit von Bildern des Elends liegt bei westlichen Fotografen.
Am Beispiel der Situation im Kongo thematisiert Martens Film eindringlich, dass sich eine ökologische Kritik notwendigerweise mit den Fragen globaler Gerechtigkeit beschäftigen muss und ihren Gegenstand erst in Verbindung mit einer postkolonialen Perspektive begreifen kann. „Enjoy Poverty“ verweist so auf koloniale Blindstellen ökologischer Kritik und erinnert daran, dass Nachhaltigkeit global gedacht werden muss und auf kapitalistische Strukturen im Ganzen abzielen sollte.
Eine weitere Arbeit entfaltet eine ähnlich kritische Perspektive: David Smithsons „solar powered electric chair“. Die Arbeit präsentiert sich als Modell eines solarbetriebenen elektrischen Stuhls und führt demonstrativ vor Augen, dass ökologische Kritik, wo immer sie versäumt, Gesellschaft in ihrer Totalität in den Blick zu nehmen, stets Gefahr läuft, nicht nur umweltfreundlichere Glühbirnen, sondern auch solarbetriebene elektrische Stühle hervorzubringen. Ökologische Kritik läuft in diesem Sinne also stets auch Gefahr, zur Erfüllungsgehilfin eines grünen Updates des schlechten Ganzen zu werden.

Von den Blindstellen ökologischer Kritik bleibt stellenweise auch die Ausstellung nicht verschont. Ich kehre zum Anfang zurück und erinnere an den zum Motorboot umfunktionierten Verhandlungstisch: Auch wenn politische Verhandlungsrunden oft ungemein zermürbend und ermüdend sind – der Verhandlungstisch ist der Ort, an dem Politik gemacht wird. Es gehört heute zum Kerngeschäft neoliberaler Ideologie dies zu bestreiten, die Möglichkeiten einer nachhaltigeren Welt im Individuum zu verorten und gesellschaftliche Fragen in den Bereich des Privaten zu verschieben. Der neoliberale Politikbegriff will aus mündigen Bürgern, ethische Konsumenten machen – will den Verhandlungstisch als Ort von Politik überwinden und durch den Supermarkt ersetzen. Der Einkaufszettel wird zum Stimmzettel und ein grüner Lifestyle zum Horizont des politisch Möglichen. Widersprüche werden verwischt und von einer Rhetorik der Euphorie übertönt, die jede Form einer strukturellen Kritik kategorisch ablehnt, denn die Welt muss selbstverständlich “undogmatisch“ und mit ganz viel “Positivität“ gerettet werden. Auch der Klassencharakter der ökologischen Frage wird durch eine Rhetorik des „Wir sitzen alle im selben Boot“ negiert. Ökologische Kritik müsste sich diesen Versatzstücken neoliberaler Ideologie entgegensetzen – müsste den Verhandlungstisch nicht umnutzen, sondern wieder zum Ort der Verhandlung machen und die Widersprüche zuspitzen. Sie sollte Politik aus den Supermärkten zurück auf die Straße und zurück an die Verhandlungstische führen und aus undogmatischen Konsumenten wieder mündige Bürger machen, den neoliberalen Strategien der Vereinzelung einen Begriff von Solidarität entgegensetzen.

Trotz der Kritikpunkte, bietet die Ausstellung sehenswerte Arbeiten und verweist in ihren stärkeren Momenten auch auf die Widersprüche zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit. Im Besonderen bildet sie dazu gut das gegenwärtige Spektrum des ökologischen Diskurses ab – mit all seinen Stärken und Schwächen.