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6. Juli 2018

Unter Rosen 3: Adrienne Goehler

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Im Rahmen der Veranstaltungs-Reihe „Unter Rosen“ folgte Adrienne Goehler, Kuratorin der Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen“, am 25.Juni der Einladung von Le Flash und sprach zu „Ästhetik, Nachhaltigkeit, Grundeinkommen und was das mit den Kunst- und Geisteswissenschaften zu tun hat".
Was geschieht, wenn ein jeder unabhängig von Ausbildung, sozialem Status, Arbeit oder Freizeitgestaltung jeden Monat 1000€ erhielte? Laut Goehler wäre dies nur zum Vorteil der Gesellschaft – national und global.

Dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE), oder wie sie es auch nennt „-auskommen“ steht oftmals der Gedanke im Wege, dass viele Leute plötzlich aufhören würden zu arbeiten, sobald sie das Geld erhielten. Zeigt sich hier ein pessimistisches Menschenbild? Einer Studie zufolge würden 80-90 % der Menschen ihre Arbeit weiter verfolgen, auch wenn sie finanziell nicht mehr abhängig von dieser wären. Die Erfüllung liegt nicht im Geld verdienen, sondern darin, etwas zu tun, eine Aufgabe in der Gesellschaft zu erfüllen.
Laut Goehler ist die Gesellschaft nicht ausreichend vorbereitet auf die fortschreitende Digitalisierung und den Wegfall diverser Arbeitsplätze. So steuere das Land auf ein Ende der Erwerbstätigkeit zu. Auch die wissenschaftsorienterten Berufe unterlägen einem Wandel – zu viele Studierende stehen zu wenigen Arbeitsplätzen gegenüber. Menschen, die davon betroffen sind, könnten durch das bedingungslose Grundeinkommen aufgefangen werden und gleichzeitig würden sich neue Optionen eröffnen. Raum für Kreativität könnte in einem Land, das nur seine Dienstleister anstelle von Bodenschätzen hat, neue Arbeitsplätze und -profile schaffen. 1000€ für jeden mildert also Existenzängste, könnte die Schere zwischen „Siegern und Verlierern“ ein Stück weit schließen und würde auch die Geschlechterungerechtigkeit abschwächen. Grundgedanke des bedingungslosen Grundeinkommens ist die Lösung des emotionalen und sozialen Drucks, der lähmenden Angst vor der Zukunft. Wie die Hoffnung der Tod des Handelns ist, so ist es die Existenzangst für die Kreativität.
Eine Pionierrolle im Umgang mit den bestehenden und kommenden Problemen bei Erwerbstätigkeiten postuliert Goehler für die Kunstschaffenden. Diese seien geübt in „Übergängen, Zwischengewissheiten, Laboratorien“. Es geht um Selbstbeschäftigungsformen, um das Arbeiten in Unabhängigkeit von einer direkten Entlohnung. Diese Zustände, Ambivalenzen müsse man aushalten können und somit generiere sich aus dem Künstlertum ein vorbildhaftes Rollenmodell für die gegenwärtige Gesellschaft.

Die Brücke zu Ästhetik und Nachhaltigkeit schlägt die aktuelle Ausstellung in der ehemaligen VHS, oder wie Adrienne Goehler sie nennt: „VHS reloaded“. Sie offeriert unter anderem Grenzgänge zwischen Wissenschaft und Kunst, eröffnet Problemstellungen, neue Denkansätze und Inspirationen und kann somit als Wegweiser für eine sich wandelnde Gesellschaft fungieren.Das bedingungslose Grundeinkommen wäre im Vergleich zu Hartz IV ein deutlicher Fortschritt, würde vielen Menschen emotionalen Druck nehmen und MUSS langfristig eingeführt werden. Das BGE ist jedoch nicht die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme – kann, soll und muss es auch nicht sein. Allerdings sollte man bedenken, dass eine Neubewertungen bestimmter Berufsgruppen stattfinden, die Attraktivität vieler Jobs gesteigert werden sollte, damit die Gesellschaft auch ohne „Zwang“ funktioniert.

Selbst wenn jedem mit dem BGE 1000 € zustünden, so leben wir im Westen trotzdem in einer kapitalistischen Welt. Konkurrenz, Wettbewerb, Angebot und Nachfrage, das Streben nach Reichtum werden immer einen Druck ausüben, der unabhängig von Existenzsicherung auf die Menschen und ihre Kreativität einwirkt.
Adrienne Goehler, geboren am 13.10.1955 im Schwarzwald, ist diplomierte Psychologin, ehemalige Präsidentin der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und war Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Berlin. Heute lebt sie in Berlin, wo sie als Publizistin und Kuratorin arbeitet.