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Porträt oder Rollenbild? Katharina Bosse zu Gast bei den photography talks

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Das fotografische Menschenbild - sei es das omnipräsente Selfie, das obligatorische Passbild oder das künstlerische Porträt – wird jüngst in einer Fülle von Ausstellungen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln verhandelt. Neben der Vielschichtigkeit der Gebrauchs- und Erscheinungsweisen der Fotografie werden dabei auch die traditionell mit dem Porträt verhafteten Parameter wie Identität, Individualität oder Person beleuchtet. Wie die zeitgenössische Porträtfotografie diese durchaus schwierigen Begriffe und Vorstellungen von Porträt hinterfragt und neu formuliert wird in der parallel im Kunstmuseum Bonn und in der Photographischen Sammlung/Sk Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn in Köln gezeigten Ausstellung Mit anderen Augen. Das Porträt in der Zeitgenössischen Fotografie (Bonn: 25.02.-08.05.2016; Köln: 26.02.-29.05.2016) reflektiert. Viele der in der Kooperationsausstellung gezeigten künstlerischen Positionen, von prominenten Akteuren wie August Sander, Thomas Ruff und Wolfgang Tillmans bis zu weniger bekannten Fotografinnen und Fotografen wie Jan Paul Evers oder Katharina Bosse, ermöglichen eine kritische Hinterfragung traditioneller Vorstellungen davon, was ein Porträt ausmacht und in welchem Bezug es als Bild zur abgebildeten Person steht.

Das Werk der deutsch-finnischen Künstlerin Katharina Bosse (*1968) stand dann auch im Zentrum der jüngsten photography talks. Die Veranstaltungsreihe wird seit 2005 als Kooperation zwischen dem Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn und dem Kunstmuseums Bonn unter der Leitung von Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet (Kunsthistorisches Institut, Universität Bonn) und Dr. Stefan Gronert (Kunstmuseum Bonn, zugleich Kurator der Ausstellung) veranstaltet und lud seitdem illustre Gäste wie Jeff Wall, Candida Höfer, Hilla Becher oder Katharina Sieverding zum Gespräch nach Bonn. Das Format sieht zwei Abendveranstaltungen vor, wobei in einer ersten Runde durch Impulsvorträge in das Werk des Eingeladenen eingeführt wird und, die Woche darauf, in einem zweiten Schritt der Künstler seine Arbeit mit dem Publikum bespricht.
Zur einführenden Auftaktveranstaltung der photography talks mit der an der FH Bielefeld Fotografie lehrenden Künstlerin Katharina Bosse, die auch durch ihre kommerzielle Arbeit für Printmedien wie The New Yorker, Cosmopolitan oder Der Spiegel bekannt geworden ist, gab Inke Maria Hahnen (Universität Bonn) am 13. April 2016 im Kunstmuseum Bonn eine konzentrierte Einführung in Bosses Serie A Portait of the Artist as a Young Mother. Daran anschließend referierte Philipp Scheid (Universität Bonn) über das Verhältnis von Raum und Figur in einigen Arbeiten der Künstlerin und Dr. Stefan Gronert formulierte in seinem Vortrag Fragen zum Stellenwert von Weiblichkeit sowie möglichen feministischen Tendenzen im Werk Bosses. Michael Stockhausen (Universität Bonn) schloss die Runde mit einer kritischen Reflexion zur Inkonsistenz zwischen dem seitens der Künstlerin und bisherigen Autoren formulierten Konzept wie Interpretationen und den Fotografien selbst.

In der folgenden Woche, am 20. April 2016, sprach Katharina Bosse mit und vor einem interessierten Publikum über ihre Arbeiten im Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn. Das Gespräch wurde von Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet moderiert. Im Mittelpunkt des anderthalbstündigen Dialogs stand die 18 Bilder umfassende fotografische Serie A Portrait of the Artist as a Young Mother, die Bosse als nicht-chronologische Reflexion über ihren eigenen physischen und psychischen Wandel vor, während und nach ihren beiden Schwangerschaften versteht. Vier Arbeiten dieser durchaus persönlichen Reihe wurden in der Porträtausstellung im Bonner Kunstmuseums gezeigt.

Die wichtigste Konstante der zwischen 2004 und 2009 entstandenen Serie bildet Bosse selbst: In unterschiedlichen Inszenierungen – mitunter kostümiert, weitestgehend aber unbekleidet oder in Reizwäsche gehüllt – posiert die Künstlerin in unterschiedlichen Landschaften. Einige der Aufnahmen zeigen Bosse hochschwanger, viele mit ihren beiden Kindern. Die Titel der einzelnen Fotografien werden stets von der Landschaft der jeweiligen Inszenierung bestimmt, die von nebeligen Waldhügeln bis zu landwirtschaftlich genutzten Feldern reichen. Im Gespräch wurden diese in einen Vergleich zur deutschen Landschaftsmalerei – von der Renaissance bis zur Romantik – gestellt und der eigentümliche Deutschlandbezug der Arbeiten in den Blick genommen. Der natürlich-ursprunghafte Bildhintergrund trifft auf die bewusst provozierenden Selbstinszenierungen als Mutter, was für deutlich mehr Diskussionsstoff sorgte: In Schnee, 2008, sieht man beispielsweise die blondierte Künstlerin in Fellstiefeln und Pelzjäckchen, ihre Brüste und Scham sind entblößt, in der Linken hält sie eine in weißen Stoff gewickelte Andeutung eine Babys, zu ihrer Rechten steht eine entkorkte Sektflasche. Als Hexe aus dem Schwarzwald mit furchterregend düsterer Maske blickt Bosse in Berge, 2007 ihr unschuldig aus dem Bild schauendes Kind an. Der leuchtend rote Umhang hebt sich bedrohlich von der grünen Wiese und der nebelverhangenen Berglandschaft ab.

Die so angestrebte Herausforderung für den Betrachter wurde im Gespräch zwischen Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet, Katharina Bosse und dem Publikum rege diskutiert. Mit den Arbeiten wollte die Künstlerin zunächst dem eigenen, von Schwangerschaften und Geburt initiierten Identitätswandel nachspüren: dem veränderten Körpergefühl und den Wechselbeziehungen zwischen Frau-, Mutter- und Künstlerinnen-Sein. So spiegelt sich etwa der von Bosse durch Schwanger- und Mutterschaft empfundene Kontrollverlust, sowohl hinsichtlich des eigenen Körpers als auch der früheren Selbstbestimmtheit, in der Delegation der Autorschaft bei der Bildentstehung wieder. Sie gab nach der Konzeption des Bildes die Kontrolle über die Kamera für die meisten Aufnahmen ab und ließ A Portait of the Artist as a Young Mother von Assistenten und guten Freunden fotografieren.

Neben der persönlichen Reflexion erklärte Bosse im Gespräch, dass sie mit der Serie den öffentlichen Diskurs über idealisierte, klischeebehaftete oder verklärende Mutterbilder erweitern wollte. Sie empfand die deutsche Gesellschaft als "sprach- und bilderlos" bezüglich der Veränderungen des eigenen Körpergefühls und bezüglich des festgefahrenen sozialen Urteils. Doch – trotz Nachvollziehbarkeit des künstlerischen wie inhaltlichen Anliegens – drängten sich Fragen auf: Wenn Bosses Intention das Anregen gesellschaftlicher Denkprozesse hinsichtlich den mit Schwanger- und Mutterschaft einhergehenden Veränderungen des eigenen Empfindens und der gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zu sein scheint, warum löst sie dann ihre eigene Körperinszenierung aus allen gesellschaftlichen Verankerungen und hebt sie in scheinbar zeitlose Naturszenerien? Zwar kann hier, fern der Gesellschaft, eine Art geschützter Raum entstehen, in dem eine überzeitliche Reflexion möglich ist. Doch kann ebenso der Eindruck entstehen, Bosse entzöge sich mit diesem Herausheben der eigenen Gegenwart und verfehle es, Vorstellungen von Mutterschaft zeitgenössisch zu hinterfragen. So entscheidet die gewählte Perspektive, ob die fotografischen Selbstbilder Bosses ihre Rolle als Künstlerin, als Mutter, ihre Doppelrolle als Mutter und Künstlerin, oder als Stellvertreterin eines neuen Mutterbildes (re-)präsentieren und ob es sich bei dieser Serie hinsichtlich kunsthistorischer Vorstellungen des Porträts, entgegen dem Titel A Portrait of the Artist as a Young Mother, nicht vielmehr um Rollenbilder als um Porträts handelt. Innerhalb der Ausstellung Mit anderen Augen. Das Porträt in der Zeitgenössischen Fotografie stellt Bosse mit dieser Serie und den darin verhafteten Fragen nach Rolle, (Re-)Präsentation und Identität so eine impulsgebende Position dar, Parameter der traditionellen Porträtvorstellung zu hinterfragen.
Der Kölner Teil der Ausstellung ist noch bis zum 29. Mai 2016 geöffnet. Ab Oktober 2016 wird die Ausstellung in veränderter Form in der Kunsthalle/Kunsthaus Nürnberg präsentiert. Im Snoeck Verlag, Köln ist ein umfangreicher Katalog erschienen (39,80 €).