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Küsse und Umarmungen

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Mit XOXO zeigt das Frauenmuseum Bonn eine Absolventen-Ausstellung, die zunächst eine Lehramtsausstellung jugendlich-naiver Harmonie und allumspannender Glückseeligkeitsutopie vermuten lässt. Doch XOXO ist mehr als Küsse und Umarmungen…
Die Ausstellung im Bonner Frauenmuseum zeigt bis zum 07.01.2018 ausgewählte Abschlussarbeiten der Studiengänge Lehramt Kunst der Universität Köln. In der von Silke Dombrowsky (Frauenmuseum) kuratierten und von Ingrid Roschek und Rainer Barzen (Universität Köln) mitgestalteten Ausstellung wird Bachelor- und Master-Absolvent*innen die Möglichkeit gegeben, erstmals nicht im universitären Umfeld einer Klassenausstellung oder des traditionellen Rundgangs auszustellen. Sie betreten das Neuland der öffentlichen Institution Museum, zeigen ihre Positionen zeitgenössischer Kunst. XOXO gestaltet sich dabei zunächst augenscheinlich wie eine „typische“ Ausstellung Kunststudierender. Gezeigt werden in Bonn die unterschiedlichsten Aggregatzustände aktueller Kunst, die Studierenden präsentieren sich und ihre Arbeit mit Positionen der Malerei, Zeichnung, Graphik, in Skulptur, Environement, Lens- sowie time-based Media-Kunst. In ihren Arbeiten verhandeln die Künstler*innen ihre Lebenswirklichkeiten, den großen Weltatem ebenso wie persönliche Ängste und Zukunftsträume. Sie kritisieren, hinterfragen, loten aus.
XOXO erscheint also nicht anders als bereits bekanntes, sowohl Display als auch Spielformen der aktuellen Kunst scheinen zunächst nichts neues zu bieten. Schnell erkannt, schnell gesehen, weiter gehts. Dabei zeigt die nähere Auseinandersetzung jedoch, dass die Ausstellung im Frauenmuseum mehr ist als eine Leistungsschau von Kunstpositionen junger Absolvent_innen, die gewählten Medien beherrschen die Studierenden nicht nur handwerklich, auch inhaltlich überzeugt XOXO auf durchgehend hohem Niveau. Ja, die Ausstellung verhandelt stellenweise „das große Ganze“, doch was zunächst nach jugendlicher Weltverbesserungsphantasie und der überkommenen Kritik der Zustände riecht, offenbart eine gewisse Ernsthaftigkeit. Die teilnehmenden Künstler*innen nutzen die großen Fragen nach Körper, Gesellschaft, Geist, Zukunft nicht als flache Klischees sondern überzeugen mit ihren Arbeiten, voller Aufrichtigkeit und Schönheit. Dabei vermitteln sie glaubhaft ein intensives Interesse an den Themen, arbeiten genuine Positionen heraus, legen stellenweise fast unangenehm intim ihre (Ab-)Gründe offen. Da diskutiert eine Werkreihe das eigene Frauenbild, andere Arbeiten konfrontieren mit Ängsten der Vergänglichkeit und der Frage nach dem fragilen Ich, wieder eine andere verhandelt die Beziehung von Spannung/Lösung im dynamischen wie humanen Umfeld.
Auch wenn XOXO eine reine Kunstausstellung ist und nicht als Schau pädagogischer Konzepte gedacht ist, muss das vorausgegangene Studium der Künstler*innen dabei mitgedacht werden. Die Absolvent*innen sind ausgebildete Kunstpädagogen, bald werden sie Lehrer*innen sein und in diversen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildungsanstalten Kunst vermitteln, praktisch anleiten, Theorien und Kunstgeschichten erläutern, Menschen die westliche Bildkultur nahebringen. Damit ist die Ausstellung doppelt spannend. Wie sehen junge Künstler*innen die Welt, wie verhandeln sie Probleme und Positionen?
Und zugleich: Welche Kunst machen die Menschen, die Kunst vermitteln werden? Abseits des Lehrplans aus einem Gänsemarsch der Stile und leider oftmals rudimentärer Vermittlung historischer Zusammenhänge?
XOXO zeigt dabei nicht nur, dass die Absolvent*innen ihr Handwerk beherrschen, sie offenbart auch ihre Kenntnis der hauptsächlich europäischen Kunst- und Mentalitätsgeschichte. Nicht als bloße Zitate sondern als interpretierte Erinnerungen demonstrieren die Arbeiten, dass die Absolvent*innen wissen, woher ihre Bildkultur kommt und wo sie hingehen könnte. Eine Arbeit ist der Tradition der medizinischen Moulagen verpflichtet und lotet das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Neugierde und persönlicher Ekelgrenze bis hin zum Voyeurismus aus. Andere Arbeiten nutzt diverse -teils veraltet erscheinende- Druck- und Maltechniken gradezu virtuos und finden so Neues im Alten. Ikonographische Flecken blitzen auf, Klassiker des europäischen Bilderkanons wird -mal mehr, mal weniger offensichtlich- neue Farbe gegeben.

Zusätzlich zu den Arbeiten vermitteln von den Absolvent_innen geschriebene Texte Versuche der Vermittelbarkeit von Kunst. Das Reden über Kunst stellt für zukünftige Kunstlehrer*innen einen nicht unwesentlichen Ausbildungsteil dar, die Integration eigener Texte ist daher eine logische Projektergänzung. Inhaltlich gestalten sie sich höchst unterschiedlich und oszillieren dabei zwischen Künstlerselbstaussage, Erweiterung des Werks und versucht objektiver -oder fassadärer- Beschreibung. Nötig wären die Texte dabei nicht gewesen, die Ausstellung funktioniert auch wortlos, jedoch demonstrieren sie das bekannte Ringen um Worte und bieten dabei einen interessanten Einblick in die Denkweise und das Selbstverständnis der Künstler_innen.
Insgesamt ist XOXO damit ein sehenswertes Projekt, welches viele verschiedene Perspektiven auf den Stand der jungen Kunst bietet. Zugleich bietet die Ausstellung die Möglichkeit, nicht nur Positionen junger Kunst zu erleben, es ist auch eine Gelegenheit, das Frauenmuseum in Bonn –immerhin das weltweit erste Frauenmuseum und seitdem wichtige Stimme in der rheinischen Kulturszene und im Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter– neu zu entdecken.
Die Ausstellung schließt am 07.01.2018 um 15 Uhr mit einer Podiumsdiskussion „Welche Bilder braucht Bildung? Zeitgenössische kunstpädagogische Positionen“.