1. Bild
Zwischen Distanz und Emphase – eine Absage an den Modernismus der Malerei
15. Januar 2018
2
The Cleaner – Marina Abramović in der Bundeskunsthalle
20. April 2018

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis Heute.

Herrschaft der Dinge von Frank Trentmann
Rund um die Uhr verfügbare Online-Shops, hochentwickelte Werbestrategien und immer schneller wechselnde Modekollektionen, bei denen ein T-Shirt für gerade einmal 4,99 Euro zu haben ist – kaum verwunderlich also, dass der Durchschnittsdeutsche rund 10.000 Dinge besitzt. Es scheint daher fast notwendig, dass in den letzten Jahren verstärkt Ratgeber erscheinen, die bei der Verwaltung dieser gigantischen Menge unterstützen sollen, so etwa Marie Kondos internationaler Bestseller Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert (2013). Wer nach der Methode der japanischen Aufräumexpertin seinem Besitz zu Leibe rückt, mistest nicht einfach nur aus, sondern kann laut Kondo zu einem besseren Menschen werden. Wie es dazu kommen konnte, dass Organisation, Lagerung und Entsorgung zahlreicher Güter nicht nur zu einer privaten, sondern einer global zu lösenden Aufgabe der Gegenwart geworden ist, zeigt Frank Trentmann in seinem 2017 erschienenen Buch Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis Heute. Auf fast 1.000 Seiten zeichnet Trentmann, Professor für Geschichte am Londoner Birbeck College, die Geschichte des Konsums in ihren geografischen, politischen und sozialen Dimensionen nach und zeigt, dass der Mensch sich seit jeher über seinen Besitz ausdrückt, definiert und abgrenzt.
Im ersten Teil des Bandes verfolgt Trentmann die historische Entwicklung der Konsumkultur ab dem 15. Jahrhundert in Amerika, Kontinentaleuropa, Großbritannien und Asien. Hier wird anschaulich nachvollziehbar, wie sich der Konsum - also die Nachfrage, der Erwerb und der Verbrauch von Dingen und Dienstleistungen - bereits in der vorindustriellen Zeit entwickelt und allmählich auf alle Gesellschaftsschichten ausdehnt. Dabei wird deutlich, wie Institutionen, Ideologien, Handel und Politik den Konsum beeinflussen und der Konsum seinerseits diese Systeme verändert. Diese Wechselwirkung zeigt Trentmann etwa am Beispiel Venedigs im 15. und 16. Jahrhundert auf, welches einerseits als Paradebeispiel einer vormodernen Konsumkultur gelten kann, andererseits aber durch zahlreiche Verbote versuchte, die Ausgaben für exklusive Mode oder Hochzeitsfeste zu reglementieren, denn das Geld der Venezianer sollte vor allem für Kriegskosten zur Verfügung stehen. So wurden vom Senat zahlreiche Gesetze erlassen, vom Umfang der Aussteuer oder Hochzeitsgeschenken über verbotene Tierpelze bis zur Verwendung von Gold und Silber in Möbeln und Kleidung. Solche Luxusgesetze wurden zeitgleich vielerorts in Europa erlassen, so etwa in Nürnberg, wo ab 1453 das Tragen von Schuhen mit langen Spitzen verboten war. Dass diese Verbote sich insbesondere auf die Mode fokussierten, mag vor allem daran liegen, dass Kleidung ein Faktor war, der die gesellschaftliche Hierarchie aufrecht halten sollte. Konsum-Kontrolle bedeutete also in vielfacher Hinsicht soziale Kontrolle. Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht fehlendes Verlangen den Konsum an einer größeren Ausdehnung hinderte, sondern seine institutionelle Beschränkung. Die zunehmende Auflösung dieser Schranken und das damit einhergehende Wachstum des Konsums verfolgt Trentmann bis ins späte 20. Jahrhundert hinein.
Daran anknüpfend werden im zweiten Teil Phänomene unserer gegenwärtigen Konsumkultur in einen historischen Zusammenhang gestellt und kritisch hinsichtlich ihrer Entstehung, Folgen und Alternativen befragt. Aspekte wie das veränderte Tempo vieler Lebensbereiche oder die Konsequenzen der „Wegwerfgesellschaft“ werden hier umfassend untersucht. Trentmann vermeidet bei dieser Darstellung weitgehend einen moralisierenden Ton, sondern zeigt anschaulich, unterhaltsam und lehrreich die Geschichte des Konsums und ihre Auswirkungen auf Sozial- und Alltagsleben, Handel, Politik und Umwelt. Zwar gibt es mit Initiativen wie Slow Living oder Slow Fashion erste Gegenbewegungen zum schnellen und achtlosen Kaufen und Verbrauchen von Gütern und Ressourcen, doch steht ein gesamtgesellschaftliches Umdenken aus. Innerhalb dieser dringenden Debatte um die ethischen, sozialen und ökologischen Folgen der Konsumkultur, die Endlichkeit der Ressourcen und die Bewältigung der Entsorgung ist Trentmanns Herrschaft der Dinge ein wichtiges Buch mit einer wichtigen Botschaft.
Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute
Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2017
ISBN: 978-3-421-04273-6
€ 40,00 [D]