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#Erde im Paul-Clemen-Museum

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Kunstausstellung, Wunderkammer oder Naturkundemuseum – beim Betreten des Foyers des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn wird man mit einer Vielzahl von Eindrücken konfrontiert. Verantwortlich dafür ist die aktuelle Ausstellung des institutseigenen Paul-Clemen-Museums, kuratiert von der studentisch getragenen Ausstellungsgruppe. Wie der Titel vermuten lässt, ist #Erde Teil einer Reihe zu den vier Elementen. Bereits zu sehen – oder vielmehr nicht zu sehen – war die als Happening konzipierte Ausstellung #Luft, bei der man in Glasfläschchen eingefasste Luft erwerben konnte. Die in #Erde intendierte Gegenüberstellung zeitgenössischer Kunstwerke mit mineralkundlichen Vitrinen und kulturhistorischen Schaukästen, die allesamt Assoziationen an Ursprüngliches, aus der Erde Kommendes hervorrufen, markieren den interdisziplinären Charakter dieser Ausstellung.

Der Aspekt der Vergänglichkeit wird in den Positionen der im Foyer ausgestellten Künstler besonders hervorgehoben. Organisches und zugleich Fragiles findet sich in der Arbeit Umarmter Kaktus von Carsten Höller. Diese von den Kuratoren als Dreierensemble zusammengestellte, aus Mittelamerika stammende Kakteenart mit dem Namen Lophophora williamsii ist für ihre halluzinogene Wirkung bekannt. Daneben kontrastieren die triptychonartig und in fotorealistischer Manier auf die Leinwand gebannten Pilzwucherungen von Michael Weiß die leblosen, hinter Plexiglas eingeschlossenen Farnwedel von Alex Grein. Obwohl in kleinem Format gehalten, verleiht Weiß seinen ästhetischen Pilzgebilden eine eigentümliche Monumentalität. In seinen Arbeiten werden Naturerzeugnisse verkünstelt verherrlicht. Dagegen ist Farn von Alex Grein ganz dem wissenschaftlichen Blick ausgesetzt: die vertrocknenden Blätter wurden nüchtern vor weißem Hintergrund platziert. Erst bei genauerem Hinsehen stellen sich die lebensecht wirkenden Farnwedel als ausgeschnittene C-Prints heraus. Vergänglichkeit wird so zum Zustand.

Auf ähnlich nüchterne Weise wird ein Konvolut von Edelsteinen und Mineralien in einer Vitrine vorgeführt. Doch ruft die Betrachtung der Lichtbrechungen im Stein eine wundersame Faszination hervor, die dem Menschen schon immer gegeben war. Das Interesse an dem, was die Erde birgt und was aus der Erde kommt, spiegelt sich gleichsam in den thematisch bestückte Schaukästen an der rückseitigen Wand wider. Dort wird der Bogen gespannt von Skulpturen des altägyptischen Begräbniskultes bis hin zu neuzeitlichen Naturenzyklopädien.
Unser persönliches Highlight stellt jedoch die extra für die Ausstellung konzipierte Arbeit von Thimo Franke dar. Ein an den Seiten mit Moos überwachsener Bücherstapel, eingefasst in ein vitrinenartiges Terrarium, wurde dem langsamen Verfall überlassen. Der Blick auf den Romantitel des obersten Buches Sturmwind der Zärtlichkeit macht die im ersten Moment empfundene Wehmut angesichts der verwesenden Literatur wieder wett. Im Herstellungsprozess überzog der Künstler das Objekt in bestimmten Partien mit einer Moos-Tinktur. Die Zellulose der Buchseiten wurde so zum pflanzlichen Nährboden. Auf diese Weise holt sich die Natur nach und nach zurück, was einst aus der Natur kam.
Die collagenhafte Präsentation wird im nördlichen Institusflügel konsequent fortgeführt mit den von der Ausstellungsgruppe eigens angefertigten Assoziationsplakaten à la Mnemosyne-Atlas des Kunstwissenschaftlers Aby Warburg. Sie dienen zur Überleitung in den letzten Ausstellungsraum, den selbsternannten Paradiesgarten. Hier gesellen sich zu der permanenten Skulptur von Thomas Virnich im Terrassenhof des kunsthistorischen Instituts zahlreiche Leihgaben des botanischen Gartens. Dank ihrer hat sich der Hof in einen grünen Ort der Ruhe verwandelt.

An diesem Punkt endet ein Rundgang, der die Erwartungen in Bezug auf das Wortfeld Erde zufriedenstellend erfüllt. Prozesshaftes wie scheinbar Unveränderliches, offengelegt durch den künstlichen wie künstlerischen Eingriff, wurde auf verschiedene Weise duschdekliniert.

Vor allem jedoch überzeugt der spielerische Umgang mit den Möglichkeiten des Paul-Clemen-Museums zwischen Bildungsinstitution und Ausstellungsraum. Der studentische Charakter von #Erde zeigt sich auch in dem ironischen Verweis auf die digitalisierte Gesellschaft, bleibt die Ausstellung doch vollkommen dem Analogen verhaftet. Die auf Moosgummi geklebten Saaltexte runden die Thematik teils durch Erklärungen, teils durch wissenschaftliche Definitionen ab.

Unser Fazit: Famos!

Text: Lisa Oord & Johanna Beutner

#Erde, 5. bis 24. Juli
Mit Arbeiten von Thimo Franke, Alex Grein, Carsten Höller u. a.
Paul-Clemen-Museum im Kunsthistorischen Institut, Universität Bonn
; #Erde is ein Projekt der Ausstellungsgruppe der Universität Bonn