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Der tiefkeller in der Bonner Südstadt

tiefkeller

Steil und dunkel gestaltet sich der Abstieg in eines der ungewöhnlichsten Ausstellungsareale Bonns – den tiefkeller in der Südstadt.

Seit Oktober 2015 öffnen die Künstlerinnen Kathrin Graf (*1984) und Bettina Marx (*1981) zweimal jährlich die Türen zu den Katakomben einer Gründerzeitvilla, um dort in diffusem Licht und grottenartiger Atmosphäre zeitgenössische Kunstwerke und Objekte in einen unkonventionellen Dialog zueinander treten zu lassen. Dabei wollen die beiden Künstlerinnen den tiefkeller nicht als klassischen Ausstellungsraum verstanden wissen. Vielmehr erklären sie den Ort an sich zum Fundament einer autogenen „installativen Arbeit“. Die Räumlichkeiten werden jedes Mal auf Neue vorwiegend als Spielraum genutzt, um Artefakte aus wissenschaftlichen, persönlichen und alltagsbezogenen Sammlungen mit Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern zu kombinieren. Dabei setzen Graf und Marx stets auf wechselnde Kontextualisierung. Abseits des gängigen Ausstellungsformats erzeugt das spezielle Setting bei den Besuchern neue Anschauungs- und Gedankensphären.
Bei der zweiten Auflage im tiefkeller (Ausstellungsdauer vom 23. Januar bis 29. Februar 2016) brachten Graf und Marx künstlerische Arbeiten von Wytske Averink, Louisa Clement, Sabrina Fritsch, Lukas Schmenger und Paloma Varga Weisz mit Moulagen der Sammlung des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité zu einer temporären Installation zusammen. Diese ungewöhnliche Zusammenstellung von Kunstwerken und medizinischem Lehrmaterial ermöglichte es dem Betrachter bei der letzten Öffnung des tiefkellers die beiden differierenden Ausstellungskomponenten aus einer neuen Perspektive heraus zu erleben. So regte etwa die Präsentation von Paloma Varga Weiszs Aquarellarbeiten in unmittelbarer Nähe zu einer Moulage einer Furche im Hals, die durch den Strang bei einem durch Erhängen herbeigeführten Suizids entstanden war, dazu an, das Objekt über seine medizinische Bedeutung hinaus hinsichtlich ästhetischer Werte zu betrachten. Bei der Anordnung der Arbeiten lassen sich Graf und Marx weniger von einem im Voraus erarbeiteten, starren Konzept leiten, sondern begeben sich in einen kreativen Prozess des Ausprobierens, achtsamen Sehens und Spürens. Bewusst wird auf eine Beschilderung der Kunstwerke direkt auf der Wand verzichtet. Zwar vermittelt ein kleines Begleitheft alle kunsthistorischen Paratexte, doch ist das freie Assoziieren ausdrücklich erwünscht.

Unweigerlich regt das Kellergewölbe den Betrachter dazu an, seine Wahrnehmung des Raums und der Arbeiten dahingehend zu beobachten und zu hinterfragen, ob die Paletten auf dem Boden oder die Spinnenkörper an der Decke als bewusste künstlerische Interventionen des Duos verstanden werden können oder nicht. Da die teilnehmenden Künstler nicht direkt in die Präsentation ihrer Kunstwerke eingebunden sind, sondern vielmehr als Leihgeber die Aufgabe des Arrangierens in die Hände von Graf und Marx legen, changiert das Duo kontinuierlich zwischen den Tätigkeitsfeldern von Künstlern, Kuratoren und Kunsthistorikern. Bei einer derartig unkonventionellen Art des Kuratierens, Präsentierens und Neuinterpretierens drängt sich die Frage auf, wie sich der tiefkeller genauer verorten lässt.
Eine handelsübliche Galerie, die Kunst zeigt, verkauft und vermarktet, ist der tiefkeller gewiss nicht und obgleich in den bisherigen Präsentationen auf wissenschaftliche Lehrsammlungen zurückgriffen wurde, sind wissenschaftliche Ansprüche hier nicht der Maßstab. Im tiefkeller werden, von zwei Künstlerinnen organisiert, Kunstwerke ausgestellt und es finden Vernissagen statt. Ein klassischer Off- oder Artist-Run-Space ist es jedoch nicht, denn man kann sich für den tiefkeller nicht um eine Ausstellung bewerben oder hier „frei“ seine Arbeiten zeigen. Stattdessen bitten Marx und Graf Künstlerkollegen in gewisser Weise, ihre Werke für die Dauer der Präsentation zu de-personalisieren und ihnen zur freien Verfügung zu stellen, um diese in eine „temporäre Installation“ zu überführen. Unvermeidbar verschiebt sich damit die Deutungshoheit über die einzelnen, präsentierten Artefakte, Archivalien und Objekte. Durch das Display im Kontext des tiefkellers werden somit ursprünglich autonome Kunstwerke kurzzeitig auf ihren bloßen Gegenstand reduziert, um sodann als Teil einer umfangreichen Installation in ein eigenes umfassendes künstlerisches Konzept des Duos Graf und Marx situativ neu eingegliedert und inhaltlich neu aufgeladen zu werden. Diese Transformationsprozesse werfen zwangsläufig konkrete Fragen nach dem zugrunde liegenden Künstler- wie Werkbegriff auf und können Diskussionen über den „Mehrwert Ausstellung“ anregen.

Vielleicht lässt sich der nicht mal einjährige tiefkeller bis dato als ein episodisches Kunst-Projekt der Experimente, Versuchungen und Grenzüberschreitungen umschreiben, das in kein festes Raster passt. Er liegt in einer Grauzone, in der sich Graf und Marx sichtlich wohl fühlen.
Zu jeder Ausstellung entsteht ein Begleitheft, welches für 3 € erworben werden kann. Zudem fertigen Graf und Marx je drei Arbeiten als Edition (Format 20 x 15 cm) an, in denen sie sich mit der aktuellen Ausstellungsthematik auseinander setzen (150 € / Edition).

Text: Janina Leferink & Katrin Engelmann

Bild oben: Aquarelle von Paloma Varga Weisz mit Moulagen des Medizinhistorischen Museums der Berliner Charité ©tiefkeller

www.tiefkeller.com